„Ich bin nicht fasziniert von Europa. Aber ich lebe darin.“

Es gibt einen großen Unterschied zwischen den proklamierten Europäischen Werten und der dystopischen Situation, in der wir uns befinden. Sagt der Künstler Srećko Horvat, der in Wien die „Europamaschine“ inszeniert, im Interview.

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Ein Interview mit Srećko Horvat — das Gespräch führte Johannes Greß

Srećko Horvat

Srećko Horvat (* 1983 in Osijek, SFR Jugoslawien) ist ein kroatischer Philosoph und Autor. Er gilt als eine zentrale Figur der neuen Linken Kroatiens und der Balkanländer. Foto: Oliver Abraham

Sie haben hier in Wien derzeit die Veranstaltungsreihe „Europamaschine“. Worum geht es dabei?

Es ist ein sehr dichtes Programm, das sich über mehrere Monate erstreckt, am Wiener Burgtheater und anderen Institutionen. Es hat damit begonnen, dass der Theaterregisseur Oliver Frljić und ich vom Burgtheater eingeladen wurden, ein Programm zu kuratieren, das sich mit dem Zusammenbruch Europas [Orig.: ruins of Europe] und der Zukunft Europas beschäftigt. Wir nennen es „Europamaschine“, weil alles mit Olivers Premiere von „Hamletmaschine“ begann. Aber es gibt auch eine tiefgründigere Verbindung: Wir wollen Europa als etwas verstehen, das Deleuze und Guattari eine „Wunschmaschine“ nennen. Es geht nicht nur darum, von politischer Ökonomie zu sprechen, sondern wir müssen auch von libidinöser Ökonomie sprechen, über Verlangen, Emotionen und Ängste. Etwas, das sehr wichtig ist in der Politik heutzutage.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Europa. Woher kommt diese Faszination?

Um ehrlich zu sein, bin ich nicht fasziniert von Europa. Andere Teile der Welt faszinieren mich mehr. Aber ich lebe in Europa – und jede Person, ob sie hier geboren ist oder nicht, die in Europa lebt, hat die Verantwortung, sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft Europas auseinanderzusetzen. Wenn man sich die Gegenwart ansieht, schaut es so aus, als ob Europa in eine Art dystopische Vergangenheit zurückfällt. Keiner macht sich mehr Hoffnungen für die Zukunft.

Ich komme aus Ex-Jugoslawien, aus Kroatien, wo die EU positive, aber auch negative Auswirkungen hatte. Kroatien wird gerade zu dieser „letzten Grenze“, die Europa vor den Flüchtlingen beschützen soll, die sogenannte Antemurale Christianitatis. Man kann derzeit die Militarisierung Europas beobachten – all jene Werte, auf denen Europa eigentlich basieren sollte, werden ausgesetzt. Wenn Sie sich die Europa-Hymne ansehen: „Alle Menschen werden Brüder“ – das passiert derzeit einfach nicht! Das geht einfach an der Realität vorbei. Es gibt einen großen Unterschied zwischen den proklamierten Europäischen Werten und der dystopischen Situation, in der wir uns gerade befinden. Und diese Situation ist keine Konsequenz des Aufstiegs der extremen Rechten in Europa. Das Wiedererstarken der extremen Rechten ist vielmehr eine Konsequenz des Neoliberalismus, jahrzehntelanger Austeritäts- und Privatisierungspolitik.

In Ihrer Kolumne für das Wiener Burgtheater schreiben Sie von einer derzeit stattfindenden „Biopolitik auf Steroiden“ – was meinen Sie damit konkret?

„Biopolitik“ ist ein Begriff, der auf Michel Foucault zurückgeht. Damit meint er, dass sich Politik zunehmend mit dem bios, altgriechisch für „Leben“, beschäftigt. Heute werden Menschen mehr und mehr zu Nummern. Im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 waren Überschriften zu lesen, die von „Flüchtlingsschwärmen“ oder „Flüchtlingsströmen“ sprachen. Flüchtlinge wurden als eine Art Naturkatastrophe dargestellt. In jüngster Vergangenheit kann man sehen, wie Erdogan der EU droht, 3,6 Millionen Flüchtlinge passieren zu lassen, wenn jemand seine Attacke auf die Kurden eine „Invasion“ nennen sollte. Diese Erpressung ist das beste Beispiel für eine „Biopolitik auf Steroiden“. Wir sehen einen Herrscher, der eine Zahl benutzt – eine Zahl menschlicher Wesen – um Politik zu machen.

Dasselbe passiert im Zusammenhang mit dem Corona-Virus. Auch das ist eine biopolitische Frage. Der bios und das, was mit einem menschlichen Körper passiert, hat direkte Auswirkungen auf politische Entscheidungen – und umgekehrt, nämlich, dass politische Entscheidungen direkte Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben. Was Biopolitik bedeutet, ist, dass Menschen zu einer Art Rohmaterial werden, etwas, das einfach ausgetauscht werden kann, wie eine lebendige Währung. Und dann hat man natürlich wieder Rassismus, Menschen werden als Krankheiten beschrieben, damals als die Juden, heute als Chinesen.

Das Konzept der Biopolitik ist bereits heute sehr wichtig und wird zukünftiger noch sehr viel wichtiger werden. Bei der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 waren es 1,5 Millionen Menschen, die nach Europa kamen. Derzeit versucht Erdogan die EU mit 3,6 Millionen Menschen zu erpressen. Aber: Die gesamten Daten, die wir derzeit haben, deuten darauf hin, dass wir uns auf Hunderte Millionen von Flüchtlingen einstellen können, wegen der Klimakrise. Wie sollen wir mit so etwas umgehen?

Gibt es auch Grund zur Hoffnung?

Hoffnung ist das entscheidende Konzept. Aber nicht im Sinne eines naiven Optimismus. Heute gibt es keinen Grund optimistisch zu sein. Aber auch Pessimismus wäre unangebracht. Als Pessimist hast du keinen Grund, morgens überhaupt aufzustehen. Wir brauchen etwas, das Terry Eagleton „Hoffnung ohne Optimismus“ nennt. Die Fridays For Future-Bewegung gibt mir definitiv Hoffnung – aber ich bin kein Optimist.

Es reicht einfach nicht, nur die Straßen zu besetzen, zu protestieren, Petitionen zu schreiben und Politiker zu bitten, ob sie nicht dieses oder jenes ändern möchten. Oft hat man dann, was man in der Psychoanalyse Lacans den „Großen Anderen“ nennt, eine Hinwendung an jemanden, der die Situation lösen solle. Was passiert dann? Sie haben Unternehmen, wie Siemens, die die Energie einer solchen Bewegung aufgreifen – um das eigene Image damit aufzupolieren. Sie haben Tesla in Deutschland, aber niemand stellt die Frage, warum wir eigentlich mehr Autos brauchen. Und was ist mit dem Privateigentum? Am Ende haben wir nicht mehr als einen „grünen Kapitalismus“.

Die andere Perversion ist so etwas wie der Öko-Faschismus. Österreich ist für mich derzeit das wahrscheinlich interessanteste Land Europas – aber aus dem falschen Grund. Einerseits werden die Grenzen geschützt – und andererseits die Natur. Als wäre es möglich, einen Green New Deal oder eine Energiewende in einem einzigen Land durchzuführen? Umweltschutz kann nicht nur innerhalb eines einzigen Landes stattfinden. Das ist für mich die große Stärke von Fridays for Future, diese Komponente der Internationalisierung: Klimaschutz kann nicht nur Sache eines einzigen Landes sein! Die einzige Hoffnung, die ich heute sehe, ist genau diese Art von einer neuen „Internationale der Generationen“. Wir müssen nicht nur die Grenzen überwinden, sondern auch die Zeit selbst.

Ein Artikel von Johannes Greß

Johannes Greß

Johannes Greß lebt und schreibt in Wien. Derzeit studiert er Politikwissenschaft im Master, arbeitet als Freier Journalist und ist Mitglied der Jungen Linken Wien.
(Foto: Andreas Edler)

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