„Dramatische Dinge geschehen und werden sich zuspitzen“

Der Oxford-Wissenschaftler Iain McLean über die Regierungsbildung in Dublin und ein denkbares Auseinanderbrechen von Großbritannien

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Ein Interview mit Iain McLean — das Gespräch führte Karlen Vesper

Iain McLean

Iain McLean ist Professor für Politik an der University of Oxford sowie Fellow der Royal Society in London und der Royal Society of Edinburgh. Er war Gastprofessor in Washington, Stanford und Yale. Foto: University of Oxford/David Fisher

Das neu gewählte irische Parlament Dáil Èireann kommt am 20. Februar erstmals wieder zusammen. Die republikanische Sinn Féin war der überraschende Wahlsieger. Schafft Sinn Féin es gar eine Regierung zu bilden?

Sinn Féin hat sich wegen der meist erhaltenen Stimmen zum Wahlsieger erklärt, doch ist es nicht sicher, dass deren Vorsitzende, Mary Lou McDonald, die Regierung bilden wird. Irland hat ein kompliziertes Verhältniswahlrecht. Tatsache ist, dass die alten konservativen Parteien, Fianna Fáil und Fine Gael, ihre klare Mehrheit im Parlament verloren haben, sie nicht mehr auf 80 Prozent kommen. Die beiden etablierten Parteien erhalten nach der jetzigen Stimmauszählung 73 von den 160 Sitzen im Dáil Èireann, Sinn Féin 36. Bisher haben sich die Konservativen immer einer Zusammenarbeit mit den Linken, mit Sinn Féin, dem einstigen politischen Arm der IRA, verweigert. Es ist alles offen.

Wie erklärt sich das überraschend gute Abschneiden von Sinn Féin?

Sinn Féin profitierte von den wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, die mit der Finanzkrise von 2007/08 auch Irland heimsuchten und längst noch nicht gänzlich überwunden sind.

Mary Lou McDonald hält es für denkbar, dass die irische Republik und die britische Provinz Nordirland in wenigen Jahren über eine Wiedervereinigung abstimmen werden. Ist eine Vereinigung von Nordirland und der Republik Irland wirklich absehbar?

Noch vor einem Jahr hätte ich die Wiedervereinigung für unmöglich gehalten, jetzt nicht mehr. Dramatische Dinge geschehen und werden sich zuspitzen.

Halten Sie, in Edinburgh geboren, auch ein zweites, erfolgreiches schottisches Unabhängigkeitsreferendum für möglich?

Ich bin zwar in der schottischen Hauptstadt geboren und zur Schule gegangen, aber kein Schotte. Ich habe einen irischen Pass, weil meine Mutter Irin ist. Ich bleibe also trotz Brexit ein EU-Bürger und dürfte in Schottland nicht abstimmen. Dessen ungeachtet: Beim ersten schottischen Referendum 2014 habe ich nicht mit einem Sieg der Unabhängigkeitsbefürworter gerechnet und sie haben auch nicht gewonnen. Ich würde jetzt aber nicht mehr dagegen wetten. Die Situation ist eine völlig andere, wie auch in der irischen Frage. Vermutlich werden die Schotten jedoch die Queen weiter als ihr Staatsoberhaupt anerkennen.

Die amtierende Erste Ministerin von Schottland, Nicola Sturgeon, könnte also Ihrer Meinung nach ein »Braveheart« im 21. Jahrhundert sein?

Den »Braveheart«, wie ihn Hollywood sich vorstellt, hat es nicht gegeben. Der Figur lag zwar ein historisches Vorbild zu Grunde: William Wallace, der im 13. Jahrhundert gegen den englischen König kämpfte, die heroisierte patriotisch-nationale Gesinnung ist jedoch Fiktion. Aber, da fällt mir etwas anderes ein: Als das schottische Parlament 1707 beschloss, die staatliche Souveränität preiszugeben und sich mit England zu vereinen, sagte der Kanzler von Schottland, der Earl of Seafield: »There’s ane end of ane auld sang.« Zu Deutsch: Das ist das Ende eines alten Liedes. Es könnte Nicola Sturgeon von der Scottisch National Party durchaus zufallen, dies 300 Jahre später – umgekehrt – festzustellen.

Warum sind die Briten, die stolz darauf sind, die älteste Demokratie der Frühen Neuzeit hervorgebracht zu haben, so sehr auf ihre Monarchie versessen?

Da fragen Sie den Falschen. Ich bin kein Monarchist, bin Republikaner und kann das auch nicht verstehen. Es hat wohl etwas mit Sentimentalität zu tun. Außerdem ist es gar nicht so einfach, die Monarchie abzuschaffen. Es gibt keine kodifizierte Verfassung, sondern Gewohnheitsrecht. Es müsste eine neue Verfassung ausgearbeitet werden, ein langwieriger konstitutioneller Prozess.

Überzeugte Europäer sind nach wie vor verwundert über die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen. War letztlich alles ein großer Irrtum, ein Missverständnis, dem jetzt der Albtraum folgt?

Es ist wirklich ein Desaster, das schwerwiegende Konsequenzen zeitigen wird. Da ich aber kein Politiker, sondern Politikwissenschaftler bin, liegt es mir fern, moralische Urteile oder Kommentare abzugeben. Meine Aufgabe ist es, das Ergebnis zu analysieren. 52 Prozent der Briten haben für den Austritt gestimmt, 48 wollten bleiben. Die Argumente jener, die für den Brexit trommelten, waren wenig realistisch und verfingen dennoch. Die territorialen und sozialen Unterschiede waren eklatant. Schottland und Nordirland wollten mehrheitlich bleiben, England und Wales nicht. Dies war auch eine Frage der Bildung und des Alters. In weniger gebildeten, ärmeren Schichten überwog die Ansicht, außerhalb der EU besser dran zu sein, auch stimmten vor allem ältere Menschen für den Austritt, die Jüngeren sehen hingegen ihre Perspektiven in der EU. Das Gleiche gilt für ländliche Gebiete und Großstädte. Beim Brexit kreuzten sich vielerlei Motive. Der Riss folgt nicht stringent politischen Orientierungen, geht durch die Parteien.

Ein Artikel von Karlen Vesper

Karlen Vesper

Karlen Vesper, Jahrgang 1959, studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Geschichte. Sie ist Redakteurin der überregionalen Tageszeitung “neues deutschland” und Autorin mehrerer Bücher.

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