Würdigung für einen kommunistischen Netzwerker

Auf Initiative von Bodo Ramelow, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Münzenberg Forums wurde im Bundestag an den Antifaschisten, Internationalisten und Publizisten Willi Münzenberg erinnert

Bernhard H. Bayerlein, Historiker, Podcasterin Sina Reisch, Bundestags-Vizepräsident Bodo Ramelow und Moderatorin Daphne Weber (v.l) © MS

»Wir sind überzeugt, dass das auch Willi Münzenberg gut gefallen hätte«, sagte Daphne Weber zur Eröffnung des Abends mit dem Hinweis, man könne ihn vielleicht bei einem Glas Wein ausklingen lassen. Auch der Raum hätte Münzenberg gefallen: der Clubraum des Bundestages mit seinen roten Wänden und der Bar. Am Dienstagabend vor einer Woche wurde der ehemalige Reichstagsabgeordnete und von einigen als Medienmogul bezeichnete Kommunist erstmals in den Räumlichkeiten des Bundestags geehrt.

Münzenberg habe, so Weber, Expertin für strategische Kommunikation, »eine Art linke ›Bild‹-Zeitung mit Massenpublikum aufgebaut«: die »Arbeiter-Illustrierte Zeitung« (AIZ). Nach der Machtübertragung an Hitler warb Münzenberg für eine Volksfront gegen den Faschismus. 1933 musste er Deutschland verlassen und lebte in Paris. Nach seinem Bruch mit Stalin starb er unter bis heute ungeklärten Umständen im Süden Frankreichs. Seine Lebensgefährtin Babette Gross hielt sein Leben in einer politischen Biografie fest.

Zur Ehrung eingeladen hatte der ehemalige Ministerpräsident Thüringens und derzeitige Bundestagsabgeordnete Bodo Ramelow. Auf die Frage, warum gerade jetzt an Münzenberg erinnert werde, verwies Ramelow auf den kommunistischen Abgeordneten Ernst Putz, der sich nach dem Reichstagsbrand 1933 das Leben nahm und im Ehrenbuch des Bundestags verzeichnet ist. Bei der Vorbereitung zur Verlegung eines Stolpersteins für Putz im November 2025 sei er erneut auf Münzenberg gestoßen, so Ramelow. »Da dachte ich: Ja, natürlich – als Erfurter bin ich mit Willi Münzenberg schon lange unterwegs.« Münzenberg sei vieles gewesen, aber sein Leben zeige auch »die ganze Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit des Widerstands«. Gerade diese Vielfalt gelte es an dem Ort einzuordnen, an dem er selbst politisch gewirkt habe, so Ramelow.

Zentraler Teil der Veranstaltung unter dem Titel »Erinnerungen an ›Die Zukunft‹« war das Buch »Netzwerke gegen Hitler und Stalin. Die Pariser Wochenzeitung ›Die Zukunft‹, Willi Münzenberg und der Traum vom neuen Europa« von Bernhard H. Bayerlein. Münzenberg sei, so Bayerlein, »ein Mann der Superlative – vor allem als Tatmensch –, aber auch ein Opfer der Superlative«. Er sei mehrfach zum Opfer politischer Regime geworden: der Nationalsozialisten, des Stalinismus und der politischen Umstände eines auseinanderbrechenden Europas.

Die Wochenzeitung »Die Zukunft« sei keine gewöhnliche Exilzeitung gewesen. Sie habe eine politische Intervention in einem Moment europäischer Gefährdung dargestellt – ein europäisches Netzwerkforum gegen den Faschismus. Verschiedene progressive Kräfte kamen hier zusammen, weshalb sie kein klassisches Parteiorgan war. Zwischen 1938 und 1940 erschienen insgesamt 81 Ausgaben mit einer offiziellen Auflage von rund 12 000 Exemplaren und über 360 Autor*innen

Dass Münzenbergs Leben und Wirken auch für heutige Generationen relevant sein kann, zeigte Sina Reisch, ehemalige Pressesprecherin des Anti-Kohle-Bündnisses Ende Gelände. In dem Podcast »Geschichte der kommenden Welten« widmete sie zusammen mit Indigo Drau eine Folge Münzenberg und Babette Gross. Politische Bewegungen seien besonders erfolgreich, wenn sie – wie Münzenberg – Bündnisse über politische Differenzen hinweg suchten. Während des Abends zeigte sich dies auch in den Einschätzungen zur Rolle Europas: Ramelow verwies auf seine positiven Erfahrungen aus den Jahren des innereuropäischen Grenzabbaus. Reisch hingegen betonte die problematische Realität der »Festung Europa« und die Abschottung gegenüber Geflüchteten.

Insgesamt bleibt von der Veranstaltung der Eindruck, dass Münzenbergs Wirken weiterhin Fragen aufwirft. Was wäre beispielsweise das Pendant zur »AIZ« in einer Gegenwart, in der viele Menschen weniger lesen und ihre Zeit eher auf Plattformen wie Tiktok verbringen? Reisch stellte fest, dass die »Tiktokisierung« der Politik – etwa maßgeschneiderte Social-Media-Reden im Bundestag – eigentlich nichts Neues sei. Schon früher seien Reden mit Blick auf zitierfähige Presseaussagen vorbereitet worden.

Der Text ist zuerst auf nd.DerTag erschienen.

Ein Artikel von John Malamatinas

John Malamatinas

John Malamatinas ist Journalist und Filmemacher mit Sitz in Berlin und Thessaloniki. Mit einem Schwerpunkt auf sozialen Bewegungen hat er ausführlich aus Griechenland, Deutschland und Frankreich berichtet. Seine Arbeit wurde in Publikationen wie "nd", "Analyse & Kritik", "der Freitag" und "Unicorn Riot" veröffentlicht.

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