europaLINKS: Von Dystopien und Utopien
Politische Visionen, die zum Aufbau einer besseren Gesellschaft hinleiten, sind unverzichtbar, meint die finnische »Kansan Uutiset«

Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.
An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Gemeinsam für Utopien kämpfen“. Dieser Text ist am 24. Februar in „Kansan Uutiset“ (Finnland) erschienen. Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.
Noora Kotilainen
Nur wenige Menschen können auf eine bessere Zukunft hoffen. Am Horizont zeichnen sich ökologische Zerstörung, Bedrohungen durch künstliche Intelligenz, wirtschaftliche Unsicherheit, die Aushöhlung von Demokratie und Sozialstaat, der Zusammenbruch der internationalen, normenbasierten Ordnung, zunehmender Autoritarismus und Kriege ab.
Es ist schwer, die Hoffnung nicht zu verlieren, wenn die Medien von düsteren Zukunftsszenarien berichten und Politiker den unausweichlichen Untergang predigen. Während sich Horrorgeschichten und zynische Hoffnungslosigkeit verbreiten, werden diejenigen, die an eine bessere Zukunft glauben, ausgelacht. Der Realismus wird immer düsterer.
Zukunftsvisionen drehen sich immer um Macht. Wer unsere Zukunftswahrnehmung bestimmt, gibt die Richtung vor. Die Zukunft basiert auf unseren gegenwärtigen Erwartungen, und wer sich nur das Dunkle ausmalt, arbeitet nicht auf das Licht hin.
Oft heißt es, wir lebten in einer dystopischen Ära. Doch die Funktion von Dystopien in Literatur, Kunst und Wissenschaft besteht darin, zu warnen, nicht fatalistisch vorherzusagen. Ziel ist es, uns – wenn uns eine Dystopie, eine Karikatur einer funktionierenden Welt und Gesellschaft, gezeigt wird – das Material an die Hand zu geben, um Alternativen dazu aufzuzeigen, etwas Besseres zu erschaffen: Utopien.
Eine Utopie ist, wie man so schön sagt, ein guter Ort, der noch nicht existiert. Obwohl Utopien stets Produkte der Fantasie sind, sind sie kein naives Geschwätz, sondern politische Visionen, die den Aufbau einer wünschenswerten, guten Gesellschaft leiten und von einem gemeinsamen Ziel motiviert sind.
Utopien kritisieren stets die herrschende Gesellschaft, weshalb Machthaber sie lächerlich machen. Diese Strategie ist uralt und wird bewusst angewandt. Bürger, die sich eine bessere Zukunft wünschen und hoffnungsvoll und entschlossen dafür arbeiten, sind der Albtraum von Machthabern, die an ihrer Macht festhalten.
Der größte Feind von Utopien ist derzeit vielleicht nicht die düstere Zukunftslage. Bedrohungen und ungelöste Probleme, Leid und Entwicklungsbedarf gab es schon immer. Das Hindernis ist vielmehr individualistisches Denken, bei dem das Streben nach persönlichem Glück im Vordergrund steht, anstatt das Gemeinwohl und gemeinsames Handeln zu fördern.
Ohne Träume können Menschen nicht gedeihen. Viele streben nach persönlichem Erfolg und einem vagen Gefühl von Glück – sie planen ihre Karriere, treiben Sport, meditieren und geben Geld aus –, doch nur wenige erlangen in einer verkommenen Gesellschaft letztendlich wahres Glück. Es liegt im Interesse der Machthabenden und Kapitalisten, dass wir uns auf unser eigenes Wohl konzentrieren statt auf das Gemeinwohl.
Ungeachtet dessen, was selbsternannte realistische Zyniker behaupten, sind Utopien nicht nur möglich, sondern notwendig und durchaus real.
Viele der Utopien von gestern sind wichtige Bausteine unserer heutigen Alltagswelt: eine unabhängige Justiz, das Wahlrecht, Frauen- und Arbeitnehmerrechte, kostenlose Bildung, sichere Geburten, Meinungsfreiheit und freie Medien.
Wir haben gemeinsam für unsere Träume gekämpft.
Das Ziel, eine ungerechte und gewalttätige Zukunft ohne Alternative zu malen, führt zu zynischer Hoffnungslosigkeit, lähmt kollektives Handeln und ermöglicht rücksichtslose, autoritäre Politik. Nur das Böse zu erwarten oder persönliches Glück durch Konsum und Selbsthilfe zu suchen, ist nicht nur passiv, sondern trägt zum Herannahen der Dunkelheit bei.
Es stimmt nach wie vor: Die Welt verändert sich, wenn wir sie gemeinsam verändern. Es geht um die Richtung, um unsere Visionen für morgen und um das, worauf wir hinarbeiten.
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