europaLINKS: Unterschiedliche Lebensrealitäten

Alle finnischen Parteien wollen die regionale Segregation bekämpfen. Das Problem ist nur, dass diese trotz aller Bemühungen unaufhaltsam voranschreitet, meint die linke „Kansan Uutiset“ aus Helsinki

© Pixabay

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Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.

An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Die Segregation in Finnland verschärft sich“. Dieser Text ist in der August-Ausgabe (online 18. August) in „Kansan Uutiset“ (Finnland) erschienen.  Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.

Jussi Virkkunen

Unsere Zeitung hat im Laufe der Jahre immer wieder über Segregation berichtet. Sie wurde anhand sozioökonomischer Indikatoren, im Bildungswesen und auch anhand der Wahlbeteiligung untersucht . Die Berichte zeichnen ein klares Bild eines Landes, in dem sich die Lebensrealitäten der Menschen zunehmend voneinander unterscheiden.

Eine rationale Diskussion über Segregation ist schwierig, da sie von so vielen Faktoren beeinflusst wird. Gleichzeitig ist die Verhinderung schädlicher Segregation schwierig und erfordert vielfältige Maßnahmen. Eine öffentliche Debatte, die von Vereinfachungen und Übertreibungen geprägt ist, lässt keinen Raum für eine durchdachte Auseinandersetzung. Sie erhöht die Schwierigkeit zusätzlich.

Wenn man an die finnischen Großstädte denkt, wird deutlich, dass Segregation ein immenses Problem darstellt. Auch die Immigration trägt dazu bei, da Zuwanderer oft über ein geringes Einkommen verfügen und sich in einkommensschwachen Gegenden konzentrieren. Es ist dabei aber wichtig zu verstehen, dass weder geringes Einkommen – geschweige denn Zuwanderung – nicht die eigentlichen Probleme darstellen.

Das Problem besteht vielmehr darin, dass sich die Lebensrealitäten der Menschen auseinanderentwickeln, wenn Wohngebiete anhand sozioökonomischer Faktoren scharf voneinander getrennt werden. Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren verschärft.

In Großstädten wurde die Segregation auf vielfältige Weise bekämpft. In Helsinki sprechen sich alle Parteien für einen gemischten Wohnungsbau aus, das heißt, alle Stadtteile wünschen sich sowohl öffentlich finanzierte als auch Mietwohnungen. Dieses Konzept hat heute jedoch eine Schwierigkeit: Die Stadt kann zwar Wohnraum planen, aber nicht die Menschen, die dort leben sollen.

Laut einer Studie leben Familien mit Kindern in Helsinki noch stärker segregiert als der Rest der Bevölkerung. Das sagt einiges über die Situation aus. In anderen Großstädten sieht es kaum anders aus. Im Jahr 2018 wurde in unserer Zeitung ein Forscher mit den Worten zitiert: „Soziale Ungleichheit ist in Schulen deutlich sichtbar. Wenn sich die Bevölkerung eines Gebiets segregiert, segregiert sich auch die Schule.“

Acht Jahre später lässt sich sagen, dass sich die Situation nicht zum Besseren verändert hat.

Für Politiker ist Segregation ein bitteres Problem. Besonders bei Diskussionen über das Bildungswesen finden die Stimmen der wohlhabenden Bevölkerung am meisten Gehör. Bei Bauprojekten hingegen melden sich vor allem die Gegner zu Wort. Wessen Stimme wird dann gehört?

Betrachtet man das ganze Land, wird die Segregation zu einem noch größeren Problem. Verschiedene Landesteile entwickeln sich in völlig unterschiedliche Richtungen, und diese Richtung ändert sich nicht. Der wichtigste Faktor ist die Demografie, was eigentlich niemanden mehr überraschen sollte. Dennoch scheint es für viele Politiker anders zu sein.

Die Situation ist in der gesamten westlichen Welt ähnlich. Die Bevölkerung wächst in den Städten und ihrem Umland, während der Trend andernorts anders verläuft. Das bedeutet aber nicht, dass man beispielsweise eher nicht urbanen Teilen Finnlands kein gutes Leben führen kann.

Ja, und viele tun das. Gleichzeitig ist es aber auch wahr, dass die Segregation fortbesteht. Und die Politik scheint nicht über die Mittel und den Willen zu verfügen, die Situation zu ändern.

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