europaLINKS: Politik der Einschüchterung
Überbetonte Sicherheitsdiskurse führen zu Angst – und die ist politisch nutzbar, kommentiert die linke finnische „Kansan Uutiset“

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Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.
An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Politik der Einschüchterung“. Dieser Text ist in der Juni-Ausgabe (24. Juni) in „Kansan Uutiset“ (Finnland) erschienen. Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.
Noora Kotilainen
Finnland positioniert sich im Ausland als Vorbild für Sicherheit: Wir betonen die umfassende gesellschaftliche Sicherheit und unsere militärische Stärke und Einsatzbereitschaft. Gerade in Kriegszeiten ist uns die strategische Bedeutung des Imageaufbaus eines kleinen Grenzlandes bewusst.
Allerdings wird das Thema Sicherheit in der Gesellschaft mittlerweile überbewertet. Es ist in Mode gekommen, fast alles als Sicherheitsproblem darzustellen – sogar Kultur und Kunst. Aktuell bietet es viele Vorteile, sich im Sicherheitsbereich zu engagieren und vom Hype um das Thema zu profitieren. Sicherheit wird ernst genommen, und in Zeiten der knappen Kassen kann man sich darauf verlassen, dass zumindest dafür Geld vorhanden ist.
Überbetonte Sicherheitsdiskurse führen jedoch oft nicht zu einem stärkeren Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft, sondern vielmehr zu Unsicherheit. Studien belegen vielfach, dass mit zunehmender Intensität der Sicherheitsdiskurse auch die Sorgen – sprich die Unsicherheit – wachsen, selbst wenn Gesellschaften und der Alltag tatsächlich sicherer geworden sind.
Wenn Sicherheit im Vordergrund steht, wird das Denken vor allem von einem Gefühl der permanenten Aufmerksamkeit, ja sogar von Angst, überwältigt. Menschen suchen nach schnellen und oft simplen, schwarz-weißen Lösungen zur Bekämpfung ihrer Unsicherheiten.
Und damit ist diese Art von Sicherheit ein gutes politisches Intrument, denn Angst lässt sich leicht kontrollieren. Unter dem Deckmantel der Sicherheit können verschiedene härtere Maßnahmen „verkauft“ werden, um jede politische Bedrohung zu bekämpfen.
Angeblich gehen die häufigsten Sicherheitsbedrohungen von Einwanderern, Drogenkonsumenten und allerlei anderen Fremden aus, natürlich auch von unheimlichen Nachbarn. Sicherheit und Angst sind untrennbar miteinander verbunden. Angst schürt Misstrauen, und der Weg von dort zu Wut und Aggression ist nicht weit.
Eine übermäßige Betonung der Sicherheit schlägt zudem leicht in eine Politik der Einschüchterung um: Die Wirtschaft liegt am Boden, die Verschuldung wächst, die Bevölkerung altert, der Krieg steht unmittelbar bevor und der Ruin droht. Wir sind gezwungen, für ein eng gefasstes Sicherheitsverständnis Abstriche zu machen und zu leiden.
Und nicht zuletzt: Ein Land, das sich auf eine düstere Zukunft vorbereitet, ist kein besonders attraktives Investitionsziel oder Partner, außer vielleicht für die Rüstungsindustrie. Daher sollte man genau darauf achten, wessen Interessen und welche Art von Gesellschaft der übertriebene Diskurs über Sicherheit, oder besser gesagt Unsicherheit, jeweils fördert.
Dabei stand Sicherheit nicht immer im Mittelpunkt gesellschaftlichen Handelns und gesellschaftlicher Visionen. Manchmal wurden auch Vertrauen und ein gutes Leben als wichtiger erachtet.
In letzter Zeit frage ich mich, warum wir so besessen von Sicherheit sind, dass uns scheinbar alles andere egal ist. Wäre das heutige sicherheitsbesessene Finnland, das überall Bedrohungen sieht, ein Mensch – welcher Typ wäre es? Ein Mensch, der knurrt, ständig zusammenzuckt und irrationale Entscheidungen trifft. Aber paradoxerweise wirkt jemand, der übermäßig um seine Sicherheit besorgt ist, extrem ängstlich, unsicher und zynisch. Er ist reizbar, ja sogar aggressiv, stellt sich selbst über andere, überschreitet moralische Grenzen zum eigenen Vorteil und hat wenig Empathie – ein ziemlich unangenehmer Mensch.
Es gibt immer Bedrohungen, beängstigendes Fremdes, Risiken und Krisen. Doch eine ängstliche Fixierung auf Sicherheit raubt einem die Luft zum Atmen, den Glauben an die Zukunft und die Lebensfreude.
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