europaLINKS: Ökonomischer Druck vs. journalistische Tiefe

Unabhängiger und gemeinwohlorientierter Journalismus gerät immer weiter unter Druck – nicht nur in den USA, auch in Europa. Ein Kommentar der linken „WOZ“ aus Zürich

© Pixabay

Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.

An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Sparen bis zur Ahnungslosigkeit“. Der Text ist in Ausgabe Nr. 7 (12. Februar) der linken Schweizer „Wochenzeitung“ (Woz) erschienen.  Der Beitrag wurde nachbearbeitet.
 

Çiğdem Akyol

Die Kündigung erreichte Lizzie Johnson mitten im Krieg. Die Ukrainekorrespondentin der „Washington Post“ hatte kurz zuvor auf der Plattform X geschildert, dass sie – wegen der russischen Angriffe auf das Stromnetz – in ihrem Auto ohne Heizung arbeiten und mit Bleistift schreiben müsse, weil die Tinte von Kugelschreibern bei der Kälte gefriere. Wenige Tage später erhielt sie ein E-Mail von ihrem Arbeitgeber: Ihre Stelle sei im Zuge von Umstrukturierungen gestrichen worden. „Ich wurde gerade mitten in einem Kriegsgebiet von der ‚Washington Post‘ entlassen“, schreibt sie auf X. „Mir fehlen die Worte. Ich bin am Boden zerstört.“

Johnson ist eine von rund 300 Personen, die die „Washington Post“ kürzlich entlassen hat. Besonders hart trifft es die Auslandredaktion: Das gesamte Nahostteam in Kairo wurde aufgelöst, mehrere Auslandbüros – darunter jenes in der Ukraine – werden geschlossen.

Die Auslandberichterstattung steht derweil auch bei der französischen Presseagentur AFP unter Druck. In einem offenen Brief in „Le Monde“ warnten Mitarbeiter*innen der 1835 gegründeten Agentur vor einem drastischen Abbau: Die Zahl der entsandten Korrespondent*innen soll von 270 auf 80 sinken. „Wir haben nur eine Ambition“, schreiben sie, „zu informieren und weiter zu informieren; überall vor Ort zu sein; dorthin zu gehen, wo andere nicht hingehen oder nicht mehr hingehen.“

Die „Washington Post“ und die AFP stehen für zwei unterschiedliche Formen von Journalismus. Die „Post“: eine klassische Tageszeitung, die dank Größe und Prestige lange ein umfangreiches Korrespondent*innennetz unterhielt. Die AFP: eine Nachrichtenagentur, auf deren Berichte Medien weltweit per Abonnement zurückgreifen und darauf eigene Beiträge aufbauen. Gerade aus entlegenen Regionen liefern Agenturen wie die AFP oft die letzten gesicherten Informationen. Dank Journalist*innen, die teils unter Lebensgefahr berichten, wenn Demokratien zerfallen oder Kriege eskalieren.

Gemeinsam bildeten „Post“ und AFP zentrale Pfeiler eines globalen Systems der Auslandberichterstattung. Werden diese geschwächt, gibt es auch hierzulande weniger verlässliche Informationen. Keine KI und keine Leserreporterin kann diese Lücke schließen. Nachrichtenagenturen sind unterschätzte Leuchttürme in einer überwältigenden Flut an Informationen: Sie sichten, ordnen, gewichten und überprüfen – und schaffen damit eine belastbare Grundlage für andere Medien.

Die beiden Meldungen über drastische Kürzungen stehen exemplarisch für den tiefgreifenden Umbruch im Mediensektor. Ausgerechnet in immer komplexeren Krisenzeiten wird die Auslandberichterstattung ausgedünnt. Während klassische Informationsvermittler um ihre Existenz kämpfen, kaufen schwerreiche Akteur*innen Medien auf oder bauen ihre eigenen Kanäle, um ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen mithilfe willfähriger Journalist*innen durchzusetzen. Zugleich sinkt die Bereitschaft, für verlässliche Informationen zu bezahlen. Der Treibstoff für kritischen Journalismus wird knapp. Und die einzige Antwort der Medienhäuser bleibt bisher, ihre Redaktionen kaputtzusparen.

Natürlich könnte ein Milliardär wie Jeff Bezos die „Washington Post“ problemlos quersubventionieren. Doch in Zeiten autoritärer Tendenzen im Weißen Haus bringt ihm eine aufmüpfige Redaktion kein politisches Kapital ein, sondern vor allem Ärger. Die Entlassungen sind symptomatisch für einen allgegenwärtigen Diskursabfall, bei dem ökonomischer Druck journalistische Tiefe verdrängt. Dass Effizienzsteigerung mit der Kündigung von Korrespondent*innen in Verbindung gebracht wird, zeigt, mit welchem Trieb hier amputiert wird.

Als Folge solch medienfeindlicher Tendenzen gerät auch der gemeinwohlorientierte Journalismus in Europa unter Druck. In Italien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Großbritannien und der Schweiz wird der öffentlich finanzierte Rundfunk als angeblich links unterwandert diffamiert – und ausgeblendet, wie gefährlich Desinformation für demokratische Gesellschaften ist. Umso wichtiger also, die Halbierungsinitiative (von der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei initiierte Senkung von Rundfunkgebühren sowie die Abschaffung der Unternehmensabgabe, womit die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG rund die Hälfte der Gebühreneinnahmen verlieren würde – d.R.) zu bekämpfen. Denn eine weiter geschwächte SRG würde jene stärken, die eine autoritäre, marktkonforme und freiheitsfeindliche Medienordnung anstreben.

Ein Artikel von Redaktion

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