europaLINKS: Empörung über Gewaltvideos reicht nicht

Cybergewalt gegen Kinder nimmt zu. Auch, weil Erwachsene das Geschäftsmodel der Social-Media-Konzerne dulden, meint die linke »Naše Pravda« aus Prag

© Pixabay

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Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.

An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Kindergewalt endet nicht mit dem letzten Schlag“. Dieser Text ist am 9. September in „Naše Pravda“ (Tschechien) erschienen. Dieser Text ist am 9. September in „Naše Pravda“ (Tschechien) erschienen.   Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.

Helena KOČOVÁ

Im Frühjahr dieses Jahres kursierten in den sozialen Medien zahlreiche Videos von brutalen Kämpfen zwischen minderjährigen Mädchen. In einem Video hatte eine Gruppe Teenager am Stadtrand einen improvisierten Ring aufgebaut, und zwei Mädchen traten unter den Blicken von Handykameras in einen Kampf. In einem anderen Video attackierten mehrere Mädchen eine Mitschülerin brutal und ließen sie am Boden liegen. Auch hier standen Kinder mit ihren Handys in der Hand daneben.

Schlägereien unter Minderjährigen sind nichts Neues. Neu ist jedoch ein Publikum, das in die Hosentasche passt. Eine Schlägerei muss nicht mehr mit dem letzten Schlag oder dem Verlassen des Schulhofs enden. Sie kann als Inhalt weiterleben: geteilt, kommentiert, bewertet und jederzeit wieder aufgegriffen. Gewalt wird zum Spektakel und das Smartphone zum Werkzeug, das ihre Reichweite und ihre Folgen vervielfacht.

Gewalt unter Kindern hat kein einheitliches Gesicht. Sie beginnt mit Beleidigungen, Demütigungen, Ausgrenzungen aus der Gruppe oder Drohungen. Sie kann sich fortsetzen mit Sachbeschädigung, Erpressung, sexueller Nötigung oder körperlicher Gewalt. Im Onlinebereich geht dies oft mit der Veröffentlichung erniedrigender Fotos und Videos, der Erstellung gefälschter Profile, Massenangriffen in Chats oder der wiederholten Verbreitung von Aufnahmen des Angriffs einher.

Darüber hinaus überschneiden sich die Formen. Die Hänseleien im Unterricht setzen sich abends in einem Gruppenchat fort, der körperliche Angriff wird aufgezeichnet und die Aufzeichnung löst wiederum eine neue Runde von Hänseleien aus. Was einem Erwachsenen wie einzelne Vorfälle erscheinen mag, stellt für ein Kind einen einzigen, andauernden Angriff dar.

Zudem nimmt die Gewalt zu, deren unmittelbares Ziel nicht der Geldbeutel oder eine persönliche Auseinandersetzung ist, sondern das Spektakel selbst. Ein Angriff kann als Eintrittskarte zu einer Party, als Loyalitätsprobe oder als Mittel zur Erlangung von Aufmerksamkeit dienen. Der Täter – oder die Täterin – hat ein Publikum vor Ort und Tausende weitere online. Die Kamera wird nicht nur Zeugin, sondern Teil des Geschehens.

Wenn ein Video von einer brutalen Kinderschlägerei veröffentlicht wird, fragen sich Erwachsene, was mit den Kindern von heute passiert ist. Das ist bequem. Viel weniger bequem ist es jedoch zu fragen, in was für einer Welt wir sie aufwachsen lassen.

Soziale Medien haben die Aggression unter Kindern nicht »erfunden«. Kinder stritten, demütigten und wetteiferten schon lange vor dem Internet. Doch die digitale Welt hat der Gewalt etwas gegeben, was sie vorher nicht hatte: ein nahezu unbegrenztes Publikum, sofortige Aufmerksamkeit und die Möglichkeit, Spuren zu hinterlassen, die den Übergriff selbst um Jahre überdauern können.

Diese Welt wurde nicht von Kindern geschaffen. Sie wurde von Erwachsenen erschaffen und basiert auf einem Wettstreit um Aufmerksamkeit. Die wirkungsvollsten Inhalte sind oft nicht die vernünftigsten, sondern jene, die die stärksten Emotionen hervorrufen. Empörung, Angst, Demütigung und Aggression sind in einem solchen System mächtige Waffen. Kinder haben seine Regeln einfach gelernt – manchmal erschreckend schnell.

Dies entbindet die Angreifer jedoch nicht von ihrer Verantwortung. Aber auch Netzwerkbetreiber tragen Verantwortung. Sie können nicht so tun, als wären sie leere Kanäle, durch die menschliches Verhalten einfach so fließt. Ihre Systeme entscheiden darüber, welche Inhalte die größte Reichweite erzielen und wie leicht sich entwürdigende Inhalte entfernen lassen.

Cybergewalt gegen Kinder lässt sich nicht durch einzelne Maßnahmen verhindern. Aber wir können die gesellschaftliche Bewertung dafür verändern. Solange ein Angriff Gelächter und Bewunderung hervorruft, den Status erhöht und Tausende von Klicks generiert, dient er als Abkürzung auf dem Weg zur Anerkennung. Wenn wir Gewalt unter Kindern reduzieren wollen, reicht es nicht, sich über das neueste Video zu empören. Wir müssen die Regeln der Welt ändern, in der es sich lohnt, so etwas zu produzieren. Denn Kinder sind vor allem ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Ein Artikel von Uwe Sattler

Uwe Sattler

Uwe Sattler ist Herausgeber von „die-zukunft.eu“ und inhaltlich für die Plattform verantwortlich. Nach zwölf Jahren in der Redaktionsleitung der Tageszeitung „nd.DerTag"/"nd.DieWoche" ist der Journalist Mitglied des Vorstands der nd.Genossenschaft eG.

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