europaLINKS: Ein Weckruf an die Gesellschaft
Die freie Wissenschaft muss gegen Autokraten verteidigt werden – um damit letztlich die Demokratie zu schützen, kommentiert die französische L’Humanité

Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.
An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Keine demokratische Debatte ohne wissenschaftliche Debatte“. Dieser Text ist am 30. März in »L’Humanité« (Frankreich) erschienen. Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.
Stéphane Sahuc
Zum zweiten Mal in Folge hat die Bewegung „Stand Up for Science“ für Schlagzeilen gesorgt. Die Bewegung entstand in den Vereinigten Staaten und hat in zahlreichen Ländern, darunter Frankreich, Fuß gefasst. Sie spiegelt eine tiefsitzende Sorge wider: die Verdrängung, Infragestellung und Instrumentalisierung des wissenschaftlichen Diskurses – bis hin zu dessen Diskreditierung – in der Öffentlichkeit. Wir erleben einen paradoxen Moment. Nie zuvor war die Wissenschaft so präsent in unserem Leben – von Gesundheitskrisen bis hin zu Klimaproblemen, von technologischen Innovationen bis hin zu politischen Entscheidungen – und doch wurde sie nie zuvor so stark angegriffen, ihre gesellschaftliche Legitimität so untergraben.
Im Vergleich zu anderen Bewegungen von Forschern und Akademikern ist „Stand Up for Science“ nicht einfach nur eine Forderung nach Ressourcen, so real und dringend diese Forderung auch sein mag. Es ist ein Weckruf an die Gesellschaft. Ein Weckruf angesichts des Umgangs unserer politischen, medialen und wirtschaftlichen Eliten mit Wissen und Komplexität.
Wissenschaft ist keine unveränderliche Wahrheit. Es handelt sich um einen Prozess, eine Methode, eine Entwicklung, die auf Hypothesen, Widersprüchen und Hinterfragung beruht. Und genau das greifen US-Präsident Trump und seinesgleichen an.
Diejenigen, die sich für die Wissenschaft einsetzen, verteidigen eine Wissenschaft, die nicht gänzlich politischen Rechtfertigungen oder wirtschaftlichen Interessen untergeordnet ist. Die Möglichkeit von Wissen, das seine Autonomie in der Produktion und seine Fähigkeit, etablierte Ideen und vorgefertigte Narrative in Frage zu stellen, bewahrt. Die Bewegung „Stand Up for Science“ stellt eine grundlegende Frage: Welchen Stellenwert wollen wir Wissen und Komplexität in unseren Gesellschaften einräumen?
Tatsächlich geht es nicht einfach nur darum, „die Wissenschaft zu verteidigen“. Wie Olivier Berné, Astrophysiker und Co-Leiter des Kollektivs „Stand Up for Science France“, erklärt, geht es darum, „unsere gemeinsame Fähigkeit zu verteidigen, die Realität zu beschreiben und auf der Grundlage von Fakten zu debattieren“. Es geht also darum, die Voraussetzungen für eine informierte und vernünftige öffentliche Debatte und letztlich die Demokratie selbst zu verteidigen.
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