europaLINKS – der Jahresrückblick: Links & rechts

Das Jahr 2025 in Europas progressiver Presse

© Pixabay

Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern. So unterschiedlich diese Medien sind, so ähnlich sind die Fragen und Pro­bleme, mit denen sie sich beschäftigen – und der linke Ansatz, aus dem heraus diese analysiert werden. Ob nun Wohnungskrise, Sozialabbau oder Kinderarmut, ob Kriege in Nahost oder Ost­europa, ob der Aufschwung von Rechtsextremen und Autokraten, ob Arbeitskämpfe oder Ignoranz gegenüber dem Klimawandel, ob patriarchale Strukturen oder der Zustand der Linken in Europa: die-zukunft.eu und die Zeitung „nd“ lassen auch 2025 einige der wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen des Jahres Revue passieren – über Beiträge aus linken und linksorientierten Medien in Europa. Dabei war uns wichtig, nicht nur die gemeinsamen Positionen abzubilden, sondern auch einen Blick auf spezifische nationale Besonderheiten und Sichten zu werfen. Alle Beiträge wurden zur besseren Lesbarkeit nachbearbeitet und teilweise gekürzt.

Wenn nur die weiße Liebe zählt

Ein Dating-Portal für weiße Rechte verbindet völkische Ideologie und antisemitische Verschwörungsmythen mit der Suche nach der perfekten Beziehung. Ein Text der Schweizer »Wochenzeitung« aus Nummer 41 vom 9. Oktober.

Eva Hoffmann

Andreas (26) aus Winterthur sucht eine »Schweizer Frau, am besten mit eher blonden Haaren und blauen Augen, damit die nordischen Gene nicht verloren gehen«. Mike (62) aus Basel gibt an, sich für Chemtrails, Ufos und den »Genozid an den Weißen« zu interessieren. Ein User namens Bergsee (24) aus Inter­laken schreibt über sich selbst: »Ich bin Nationalsozialist, der sich nach dem Ende dieser Weimarer Republik 2.0 sehnt.«

Die Zitate stammen aus Profilseiten von Schweizer Mitgliedern der Partnerbörse whitedate.net, eines Portals ex­klu­siv für Weiße. Zugang dazu haben eigentlich nur verifizierte Mitglieder, doch ein Datenleak, das die »WOZ« und die deutsche Wochenpublikation »Die Zeit« einsehen konnten, legt viele sensible Daten des Netzwerks offen. Fast 8000 Menschen auf der ganzen Welt suchen auf diesem »Parship für Rechtsextreme« nach der Liebe. 39 davon geben an, in der Schweiz zu leben, 684 in Deutschland. Dort beschrieb der Verfassungsschutz bereits 2019 – zwei Jahre nach der Gründung der Seite – das Portal als »Ex­tre­mis­mus im digitalen Raum«.

Das Prinzip: Weiße sollen andere Weiße kennenlernen, um im besten Fall weiße Kinder zu zeugen. Oder in den Worten von Plattformbetreiberin Christiane H.: Ziel sei es, »die ex­klu­siv weiße Gemeinschaft wieder aufleben zu lassen«, um den »weißen Völkermord« zu verhindern.

Eine »braune Internationale«

Christiane H., die in der Nähe von Kiel lebt, tritt unter dem Pseudonym Liv Heide in rechtsextremen Szenemedien auf. Die 57-Jährige wähnt sich im »Rassenkrieg« und unterhält Kontakte in die Holocaust-Leugner*innen- und Neonaziszene. Auf Anfrage wollte sich H. nicht äußern.

Der Dating-Aspekt sei nur ein Feature auf der Website, sagt sie in einem Youtube-Interview. Der eigentliche Kern des Portals sei die Gruppenfunktion. Darüber vernetzen sich die Mitglieder miteinander, diskutieren über Kirche, Permakultur oder die besten Großstädte für Konservative, aber auch über den Aufbau »weißer Gemeinschaften« zur Vorbereitung auf einen kommenden »Rassenkrieg«. 2019 sagte Christiane H. in einem rechtsextremen Podcast zum Ziel der Vernetzung: »Wir müssen uns organisieren im privaten Bereich«, »weltweit kleine Zellen aufbauen«. Diese Zellen müsse man dann auch verteidigen.

Für Rechtsextreme stand lange der Kampf für die eigene Nation im Mittelpunkt. Aber seit einigen Jahren ist eine Veränderung zu beobachten: Länderübergreifend vereinigen sie sich zu einer »braunen Internationale«. Der Verschwörungsglaube, gemeinsam die »weiße Rasse« zu verteidigen, auch über Nationalstaatsgrenzen hinweg, schweißt sie zusammen. Feminismus, Judentum, Homosexualität, Linke oder George Soros seien demnach schuld am Verschwinden der Weißen. Diese Feinde seien global, darum müsse man sie auch global bekämpfen. Eine Wahnidee, mit der Neonazis überall etwas anfangen können.

Über die Hälfte aller angemeldeten Profile auf »White Date« geben an, US-Amerikaner*innen zu sein. Danach folgen Deutschland, Großbritannien und Kanada. Glaubt man den Angaben der Mitglieder, sind die Nutzer*innen durchschnittlich 37 Jahre alt. Nur zwölf Prozent sind Frauen.

Christiane H. selbst ist als »Nordfrau« auf ihrem Dating-Portal regis­triert. Weiße Bluse, Perlenohrringe, freundliches Lächeln. Hobbys: Feng-Shui, Brunchen und Naturgeister. Über ihr »Aufwachen«, die Initialzündung ihrer Radikalisierung, erzählt H. in einem Interview: »Als ich noch verheiratet war, war ich alles andere als aufgewacht. Ich dachte, Juden seien Europäer.« Dann sei sie auf entsprechende Videos gestoßen, und ihr sei klar geworden: »Wir Weiße sind ja schon fast weg vom Fenster.« Je mehr Videos H. konsumiert habe, desto überzeugter sei sie von antisemitischen Verschwörungsmythen gewesen, zum Beispiel jenem, dass der israelische Geheimdienst Mossad hinter den islamistischen Anschlägen im Pariser Bataclan von 2015 stecke, heißt es in ihrem ehemaligen Umfeld. H. lebte damals in Paris und war mit einem Franzosen verheiratet, dessen jüdischer Vater die Shoah überlebte.

Unterstützung von Neonazis

Nach fast zwei Jahrzehnten in Frankreich zieht H. zurück nach Deutschland und beginnt, »White Date« strategisch in rechts­extre­men Kreisen zu bewerben – ein Netzwerk für »Europide«, wie es auf der Seite heißt: ein veralteter Begriff, der von NS-Rassentheoretikern erfunden wurde. H. zählt sich nun ganz offen zur »Pro-Weiße-Bewegung, die aufgeklärte Weiße vereint, die sich ihrer Rasse bewusst sind und sich gegenseitig im Kampf gegen das Aussterben unseres Volkes unterstützen«.

Auch offline sucht Christiane H. den Kontakt zur ex­tre­men Rechten. Nach Informationen von »Zeit« und »WOZ« besuchte sie Veranstaltungen des Bundes für Deutsche Gott­erkennt­nis Ludendorff. Die völkische Gruppierung wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Benannt nach Erich Ludendorff, maßgeblicher Beteiligter am Hitler-Putsch von 1923, stützt sich die Gruppe auf dessen völkische Ideologie und Esoterik.

Christiane H. betreibt neben »White Date« zwei weitere Seiten: die Adoptionsplattform »White Child« für weiße Kinder und Samenspender und »White Deal«, eine Plattform, die Firmen weiße Mitarbeiter*innen vermitteln soll. Sie selbst scheint es mit diesem Credo jedoch nicht so genau zu nehmen: Programmiert werden all ihre Websites nach Informationen von »WOZ« und »Zeit« von einem indischen IT-Fachmann, die Buchhaltung führt ein Mitarbeiter in Madagaskar.

***

Die »Geheimnisse« des linken Sieges

Nähe zu den Menschen, klare Positionen und Bündnisfähigkeit – mit diesem »Rezept« konnte die Linkspolitikerin Catherine Connolly die Präsidentschaftswahlen in Irland gewinnen, meinte »L’Humanité« am 8. November.

Francis Wurtz

Lassen Sie uns über ein Ereignis reden, vor dem man den Hut ziehen muss. Insbesondere in einer Zeit, die mehr durch den Druck von rechts als von Erfolgen progressiver Kräfte geprägt ist: die Wahl der gemeinsamen Kandidatin für die Linke, Catherine Connolly, zur Präsidentin der Republik Irland am 24. Oktober. Diese Funktion ist in Irland sicherlich nicht vergleichbar mit dem, was sie in Frankreich ist, aber die »Geheimnisse« des Sieges der Linken – eine Premiere in der Geschichte dieses nahen Landes – können uns nicht gleichgültig lassen.

Wie konnte eine Frau aus bescheidenen Verhältnissen, die seit ihrem Austritt aus Labour 2006 keiner Partei mehr angehörte, die zwar als unabhängige lokale Abgeordnete gewählt wurde, aber bis dahin keine führende politische Rolle gespielt hatte, es schaffen, einer konservativen »politischen Klasse«, deren zwei Hauptparteien abwechselnd regiert haben, mit einem Stimmanteil von über 63 Prozent eine vernichtende Niederlage zuzufügen?

Drei Stärken der Kandidatin erklären weit­gehend ihr tatsächlich histo­risches Ergebnis: ihre Persön­lich­keit, ihre Positionen und die Ver­einigung aller linken Kräfte zu ihrer Unterstützung.

Ihre Persönlichkeit? Im Gegensatz zu Politikern, deren Haltungen die Bürger plagen, führte sie »eine authentische und bürgernahe Kampagne« und zeigte, dass »sie die Schwierigkeiten verstanden hat, die Arbeiter und ihre Familien durchmachen« – in Bezug auf Kaufkraft, Wohnen, öffentliche Dienstleistungen, sagte Declan Kearney, Präsident von Sinn Féin (linksorientierte Partei – d. Red.), und fasste so die Einschätzung in vielen Beiträgen der irischen Presse zusammen.

Ihre Positionen? Neben den sozialen Prioritäten, »der existenziellen Bedrohung durch den Klimawandel« und natürlich der Wiedervereinigung der Insel, gilt ihre unerschütterliche Solidarität dem palästinensischen Volk. Diese Punkte sind es, die »ihre Kampagne für ihre Anhänger so erfrischend und so bedrohlich für das Establishment gemacht haben«, sagte Daniel Finn vom Magazin »New Left Review« in London.

»Ich schäme mich, Europäerin zu sein, wenn ich von der Leyen (Präsidentin der EU-Kommission – d. Red.) Schulter an Schulter mit einem Kriegsverbrecher sehe«, sagte sie. Sie kritisierte den Abbau des »Sozialstaats«, um die Militarisierung des Landes zu finanzieren. Sie verurteilte die »schreckliche russische Aggression« Russlands in der Ukra­ine aufs Schärfste, ohne die große Verantwortung der Nato für diese Entwicklung zu verschweigen.

Auf diesen Grundlagen konnten die fünf linken und grünen Parteien, die Gewerkschaftsbewegung und Menschenrechtsorganisationen sowie unabhängige progressive Persönlichkeiten ein Bündnis schmieden, das sie zum Sieg führte. »Wenn die Linke mit der gleichen strategischen Reife handelt, kann Irland bei der nächsten Parlamentswahl eine populäre Regierung haben«, sagte Sean Mac Bradaigh, Schriftsteller und ehemaliger Berater von Gerry Adams, einem bekannten Sinn-Féin-Politiker. Das wünschen wir unseren irischen Freunden … und uns ebenso.

 

 

 

 

Ein Artikel von Uwe Sattler

Uwe Sattler

Uwe Sattler ist Herausgeber von „die-zukunft.eu“ und inhaltlich für die Plattform verantwortlich. Nach zwölf Jahren in der Redaktionsleitung der Tageszeitung „nd.DerTag"/"nd.DieWoche" ist der Journalist Mitglied des Vorstands der nd.Genossenschaft eG.

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