europaLINKS – der Jahresrückblick: Links & rechts (II)

Das Jahr 2025 in Europas progressiver Presse

Zugeschaltet aus London: Jeremy Corbyn spricht zu den Teilnehmer*innen des European Forum progressiver Kräfte Ende November in Wien. © Sattler

Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern. So unterschiedlich diese Medien sind, so ähnlich sind die Fragen und Pro­bleme, mit denen sie sich beschäftigen – und der linke Ansatz, aus dem heraus diese analysiert werden. Ob nun Wohnungskrise, Sozialabbau oder Kinderarmut, ob Kriege in Nahost oder Ost­europa, ob der Aufschwung von Rechtsextremen und Autokraten, ob Arbeitskämpfe oder Ignoranz gegenüber dem Klimawandel, ob patriarchale Strukturen oder der Zustand der Linken in Europa: die-zukunft.eu und die Zeitung „nd“ lassen auch 2025 einige der wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen des Jahres Revue passieren – über Beiträge aus linken und linksorientierten Medien in Europa. Dabei war uns wichtig, nicht nur die gemeinsamen Positionen abzubilden, sondern auch einen Blick auf spezifische nationale Besonderheiten und Sichten zu werfen. Alle Beiträge wurden zur besseren Lesbarkeit nachbearbeitet und teilweise gekürzt.

Eine sozialistische Antwort

Ende November hat der frühere britische Labour-Politiker Jeremy Corbyn gemeinsam mit anderen die linke Your Party gegründet. Das gibt Hoffnung, schrieb eine Parteiaktivistin am 2. Dezember in »Morning Star«.

Die erste Ankündigung der Gründung von Your Party im Juli 2025 (einer Parteineugründung durch den Linkspolitiker und früheren Labour-Führer Jeremy Corbyn – d. Red.) wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. Mehr als 800 000 Menschen erklärten sich bereit, die neue Partei zu unterstützen. Das bestätigt, dass große Teile der Öffentlichkeit verzweifelt nach einer Änderung dessen suchen, was einige das »Uniparty-System« genannt haben, seit Keir Starmer die Labour-Party übernommen und hart nach rechts gezogen hat. Die alten Gewissheiten brechen zusammen.

Der Westminster-Konsens – diese komfortable Vereinbarung zwischen Labour, Konservativen und sogar den Liberaldemokraten – ist als Betrug an den Menschen entlarvt. Und die Arbeiterklasse Großbritanniens hat aufgehört, ihnen zu glauben. Die erste Ankündigung der Gründung von Your Party im Juli 2025 (einer Parteineugründung durch den Linkspolitiker und früheren Labour-Führer Jeremy Corbyn – d. Red.) wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. Mehr als 800 000 Menschen erklärten sich bereit, die neue Partei zu unterstützen.

Im Jahr 2017 fand die gleiche Rebellion statt. Jeremy Corbyns Labour holte den größten Stimmenanteil seit sieben Jahrzehnten. Millionen strömten auf die Straße, in Versammlungen, in Kampagnen und glaubten, dass der demokratische Sozialismus endlich kommt. Diese Bewegung ist 2019 nicht gestorben – aber sie wurde »verraten«. Sie wurde von einer Führung erstickt, die auf die Milliardäre und Banker zulief, die sie früher unsere Feinde genannt hatte.

Your Party ist mit über 55 000 Mitgliedern wohl die größte sozialistische Partei in Großbritannien, und wenn die Begeisterung, Leidenschaft und Energie auf der Gründungskonferenz nicht täuschten, kann sie nicht nur »Druck von links« auf Starmers Labour ausüben, sondern der rechtsextremen Politik der euphemistisch »Reform UK« benannten Partei von Nigel Farage etwas entgegensetzen. Der Hunger der Öffentlichkeit nach einer echten Alternative zu Austerität und Hass ist nicht verschwunden. Your Party repräsentiert eine politische Forma­tion, die in der Arbeiterbewegung verwurzelt ist, vom Sozialismus belebt und sich verpflichtet, Macht und Reichtum an jene umzuverteilen, die sie durch ihre Arbeit schaffen.

Die Gründungskonferenz der Your Party an diesem Wochenende zeigte die größte sozialistische Partei in Großbritannien seit 80 Jahren. Das ist kein Zufall. Das ist eine Antwort auf ein Vakuum. Hunderttausende weitere haben sich angemeldet. In Gemeinden im ganzen Land – in Hulme, in Coventry, in London, in Leicester, in Glasgow – versammeln sich die Menschen in den Hallen von Your Party und fragen: Wie schlagen wir zurück? Wie bauen wir Macht auf? Wie gewinnen wir?

Mit der Gründungskonferenz und den Gründungsdokumenten beginnt nun die eigentliche Arbeit. Your Party muss von 50 000 auf 500 000 Mitglieder wachsen. Sie muss in jeder Gemeinde Organisationen aufbauen. Sie muss an jedem Arbeitsplatz präsent sein. Sie muss die politische Kraft werden, die die Bewegungen auf der Straße verkörpert. Sie muss beweisen, dass der Sozialismus kein historisches Artefakt ist, sondern eine lebende Notwendigkeit. Es muss bewiesen werden, dass wir – die Arbeiterklasse, die Unterdrückten, die, die alles zu gewinnen und nichts zu verlieren haben – uns die Macht nehmen können.

***

Getanzt: Das Tagebuch der Anne Frank

Im Rahmen des Budapester Theaterfestivals Mitem präsentierten ungarische und slowakische Künstler eine Hommage an das jüdische Mädchen Anne Frank. Die Rezensentin von »Naše Pravda« zeigte sich in ihrem Text vom 27. April in jeder Hinsicht beeindruckt.

Eva Vildman

Ich wusste nichts davon, dass es ein Festival gibt, das den Namen Mitem trägt. Und ich denke, dass selbst die Leser von »Naše Pravda« nichts davon wissen. Rund zwei Dutzend Stücke aus der ganzen Welt werden bei Mitem aufgeführt. Innerhalb des einen Monat laufenden Programmzyklus werden klassische und zeitgenössische Werke dem Publikum präsentiert. Das Motto von Mitem ist ein Zitat des ungarischen Schriftstellers, Dichters und Dramatikers Imre Madách: »So gibt es auch in dieser kalten Welt Poesie«. Daher der ungewöhnliche Name des Festivals: Mitem ist eine Abkürzung für folgende Worte: M – Madách, I – international, Te – Theater, M – Treffen, frei übersetzt Madáchs internationales Theatertreffen.

Der ungarische Theaterklassiker Imre Madách wurde 1823 in Dolná Strehová (heute Slowakei) geboren. Madah stammte aus einer alten Adelsfamilie, studierte Jura, Philosophie und Naturwissenschaften in Pest, war sogar Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Aber sein schwaches Herz erlaubte ihm nicht, länger als 41 Jahre zu leben. Er starb 1864 in Dolná Strehová, wo sich ein Museum zu seinem Andenken befindet.

 

Aufführung zum 80. Jahrestag der Befreiung

Die Aufführung »Das Tagebuch der Anne Frank« ist eine erstaunliche Performance, die am 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und der Niederschlagung von Faschismus und Nationalsozialismus präsentiert wird. Es ist eine Erinnerung an die Schrecken des Holocaust. In Zusammenarbeit mit dem Ballett des Staatstheaters Košice und dem Nationaltheater Budapest entstand unter der Leitung von Ondřej Šoth ein wunderschönes Ballett mit einer großen Botschaft. Šoth, der Direktor des Košice-Theaters, ist verantwortlich für das Drehbuch, die Choreografie und Musikdramaturgie. Ich hatte die Gelegenheit, die Aufführung von Anne Franks Tagebuch im Nationaltheater in Budapest Ende März zu sehen. Es war ein rundum aufregender Abend mit stehendem Applaus am Ende. Dabei war das Szenenbild sehr einfach, mit nur wenigen Elementen. Die Tänzer und Schauspieler tanzten zu eingespielter Musik, die sorgfältig für die Produktion von Ondřej Šoth ausgewählt wurde. Es handelte sich nicht nur um jüdische Melodien, sondern auch um entsprechend gewählte kalte Geräusche, deren Klang die SS-Patrouillen symbolisieren soll. Die Nazi-Schergen waren übrigens immer präsent – repräsentiert von Scheinwerfern an der Seite der Bühne.

Der Inhalt der Tanzperformance basiert auf dem Leben von Anne Frank. Die jüdische Familie Frank versteckte sich 1942 im Hinterhaus eines Amsterdamer Gebäudes, um dem Transport in die Vernichtungslager der Nazis zu entgehen. Anne schrieb seit Juni 1942 ihr berühmtes Tagebuch. Tragischerweise wurde die Familie Frank 1944 verraten und die ganze Familie, mit Ausnahme des Vaters, ins Konzentrationslager deportiert und dort ermordet. Nach dem Krieg fand Otto Frank das Tagebuch seiner Tochter und veröffentlichte es. Es ist eines der beeindruckendsten Bücher über die Schrecken der Nazi-Diktatur und den Massenmord an jüdischen Menschen.

 

Eine Aufführung, die auch Hoffnung verspricht

Obwohl die letzte Szene des Balletts eine Apokalypse darstellt (verstreute tote menschliche Körper), verspricht die Aufführung Hoffnung. Ja, als ich mit dem Publikum das Theater verließ, waren wir uns einig, alles zu tun, um der Menschheit und insbesondere den Kindern aus der ganzen Welt zu ersparen, die Schrecken von Kriegen, Mord, Folter und Not erleben zu müssen. Denn letztlich war die Aufführung auch eine Hommage an das Leben und die Schönheit, die das Mädchen Anne verkörpert. Ich will an dieser Stelle die einzigartige Leistung der jungen ungarischen Schauspielerin Ilka Siposová hervorheben. Sie ist der Inbegriff der Jugend und zeigte trotzdem in ihrer Performance eine große menschliche Reife. Der Applaus am Ende des Stücks sagte alles.

 

Ein Artikel von Redaktion

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