europaLINKS – der Jahresrückblick: Arm & reich (Teil II)
Das Jahr 2025 in Europas progressiver Presse

Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.
So unterschiedlich diese Medien sind, so ähnlich sind die Fragen und Probleme, mit denen sie sich beschäftigen – und der linke Ansatz, aus dem heraus diese analysiert werden. Ob nun Wohnungskrise, Sozialabbau oder Kinderarmut, ob Kriege in Nahost oder Osteuropa, ob der Aufschwung von Rechtsextremen und Autokraten, ob Arbeitskämpfe oder Ignoranz gegenüber dem Klimawandel, ob patriarchale Strukturen oder der Zustand der Linken in Europa: die-zukunft.eu und die Zeitung „nd“ lassen auch 2025 einige der wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen des Jahres Revue passieren – über Beiträge aus linken und linksorientierten Medien in Europa. Dabei war uns wichtig, nicht nur die gemeinsamen Positionen abzubilden, sondern auch einen Blick auf spezifische nationale Besonderheiten und Sichten zu werfen. Alle Beiträge wurden zur besseren Lesbarkeit nachbearbeitet und teilweise gekürzt.
Der Faktor Kinderarmut
Finnland ist bei einer Unicef-Untersuchung zur Lebenssituation von Kindern deutlich zurückgefallen, berichtet »Kansan Uutiset« am 14. Mai. Ein Grund ist die wachsende Kinderarmut.
Von Kansan Uutiset
Finnland fiel in einer Unicef-Studie, die insgesamt 43 Länder umfasst, vom fünften Platz (2020) auf Nummer 17 zurück. Die Studie geht nicht direkt auf die Faktoren ein, die die Platzierung der einzelnen Länder beeinflusst haben. »Finnland ist das glücklichste Land der Welt, aber diese Studie zeigt ein weiteres Bild der Situation von Kindern und Jugendlichen«, sagt Sanna Koskinen von Unicef Finland. Die Wissenschaftlerin merkt jedoch an, dass das Wohlbefinden von Kindern von vielen verschiedenen Aspekten abhängt und es daher viele Gründe für den Rückfall gibt.
So kann man sicher sagen, dass die frühzeitige Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Familien nicht ausreichend und angemessen umgesetzt wurde. Konkret waren Schulpsychologen und Betreuer nicht überall verfügbar. Ein wesentlicher Grund ist auch, dass die Angebote im Bereich psychische Gesundheit und Suchtbehandlung für Kinder und Jugendliche nicht ausreichend sind. All dies wirkt sich auf die dramatisch verschlechterte Situation aus, so Koskinen.
Kinder haben viele Krisen erlebt
Laut der Studie begann das Wohlergehen von Kindern in wohlhabenden Ländern nach der Coronavirus-Pandemie zu sinken. Kinder und Jugendliche haben in den letzten Jahren viele Krisen erlebt, so Unicef. Zu diesen Krisen gehören neben dem Coronavirus auch Kriege und Konflikte, Klimawandel und wirtschaftliche Unsicherheit.
Im Vergleich zu 2020 sank das Ergebnis Finnlands deutlich. Die Verschlechterung machte sich insbesondere bei Indikatoren wie Selbstmorden bei jungen Menschen, Übergewicht bei Kindern und Lernergebnissen fest.
Koskinen führt auch die Kinderarmut als Faktor an. Es ist bekannt, dass dies einen sehr bedeutenden und weitreichenden Einfluss auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Kindern hat. In Finnland wurde dem langfristig nicht ausreichend entgegengewirkt, und die Zahl der Kinder aus armen Familien steigt weiterhin an. Nationale Studien zeigen zudem, dass sich der sozioökonomische Status der Familie auch auf die Lernergebnisse auswirkt.
Was aber wird in Dänemark, das seine hervorragende Platzierung beibehalten hat und sich als nordisches Land hinsichtlich seiner Ausgangslage nicht wesentlich von Finnland unterscheidet, anders gemacht?
Dänemark hat es geschafft, die positiven Aspekte zu bewahren. Dänemark ist sowohl im Bereich der psychischen als auch der physischen Gesundheit führend. »Insofern bin ich überzeugt, dass die angebotenen Dienstleistungen und Ressourcen zumindest zielgerichtet eingesetzt wurden«, sagt Koskinen.
Laut Unicef müssen die Angebote im Bereich psychische Gesundheit und Suchtbehandlung, insbesondere für Kinder und Jugendliche, in Finnland dringend verbessert werden, und Kinderarmut muss systematisch und mit allen Mitteln verhindert werden.
»Eine gute Kindheit für jedes Kind ist die beste Investition in die Zukunft ganz Finnlands. Mit systematischem und entschlossenem Handeln können wir diese besorgniserregende Entwicklung noch umkehren«, erklärt Koskinen.
***
Wo zahlen unsere Milliardäre ihre Steuern?
Frankreichs Superreiche verlegen ihren Wohnsitz ins Ausland – um so Steuerzahlungen zu umgehen. Am 20. November veröffentlichte die »L’Humanité« eine Recherche.
Von Arthur Dumas
Seit fast 30 Jahren ist es ein fester Bestandteil der Medienlandschaft. Jeden Sommer veröffentlicht das Magazin »Challenges« sein mit Spannung erwartetes Ranking der 500 reichsten Menschen Frankreichs. Von Bernard Arnault über Rodolphe Saadé bis hin zu Xavier Niel und Gérard Mulliez – Wirtschaftsexperten analysieren mit großem Interesse die Platzierung, den Tätigkeitsbereich, die Vermögensentwicklung und die Position innerhalb der Liste der französischen Superreichen.
Doch während die Frage der Vermögensbesteuerung im Jahr 2025 aktueller denn je ist, fehlt eine entscheidende Information: der steuerliche Wohnsitz dieser enorm Vermögenden. Angesichts des von der Linken unterstützten, aber von der Rechten und der extremen Rechten für den Haushalt 2026 abgelehnten Steuervorschlags von Gabriel Zucman (ein Wirtschaftswissenschaftler, der für eine Reichensteuer plädiert – d. Red.) haben Milliardäre deutlich gemacht, dass sie jede Besteuerung ihres beträchtlichen Vermögens, selbst die geringste, entschieden ablehnen.
Steuerflucht ins Ausland
»L’Humanité« wollte daher überprüfen, ob die Kritiker von Frankreichs bestem jungen Ökonomen tatsächlich in Frankreich steuerlich ansässig sind. Von den 60 Bestplatzierten des Rankings sind allesamt Milliardäre, 18 haben ihren steuerlichen Wohnsitz im Ausland und zwei weitere hatten oder haben aktuell einen Streit mit den französischen Steuerbehörden über ihren steuerlichen Wohnsitz.
Eine von Zucman vorgeschlagene jährliche Steuer von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro versetzt unsere reichsten Bürger in Angst und Schrecken. Sie behaupten lautstark, die Steuer würde unsere Wirtschaft ruinieren und drohen mit Auswanderung. Doch in Wirklichkeit hat ein Großteil dieser Superreichen ihr Vermögen bereits abgesichert.
Im Luxussektor haben die Wertheimer-Brüder – Eigentümer von Chanel, deren Vermögen von 95 Milliarden Euro sie im Ranking 2025 auf Platz drei katapultiert – ihren Steuerwohnsitz mindestens seit Anfang der 2010er Jahre im Ausland. Während Gérard Wertheimer sich damit begnügte, die Alpen zu überqueren und sich in Genf in der Schweiz niederzulassen, entschied sich sein Bruder Alain für Übersee und ließ sich in den Vereinigten Staaten, genauer gesagt in New York, nieder.
Diese Praxis scheint in der Welt der Haute Couture gängig zu sein, denn Nicolas Puech, der vermögende Erbe von Hermès, dem 5,7 Prozent des Firmenkapitals gehören, lebt im kleinen Schweizer Skiort La Fouly. Der Mann, dessen Vermögen auf 14 Milliarden Euro geschätzt wird, wohnt dort seit 1999.
Schweiz, Belgien, Großbritannien
In einer anderen Branche, aber mit demselben Grundprinzip, hat sich der Einzelhandelsriese Mulliez für einen deutlich kürzeren Weg entschieden. Wie kürzlich ein Bericht von »Cash Investigation« enthüllte, lebt Gérard Mulliez – dessen Vermögen in diesem Jahr auf 25,9 Milliarden Euro geschätzt wird – in der kleinen belgischen Stadt Néchin, nur 732 Meter von der französischen Grenze entfernt. Obwohl der Auchan-Eigentümer jegliche Steuerflucht bestreitet, lebt ein bedeutender Teil seiner Familie ebenfalls in Néchin, sodass die Rue de la Reine-Astrid im Volksmund als »Boulevard des Mulliez« bekannt ist.
François Perrodo, Chef von Perenco, Frankreichs zweitgrößtem Ölkonzern, hat sein persönliches Vermögen (9,1 Milliarden Euro) in London angehäuft. Ebenfalls in der britischen Hauptstadt ansässig ist Henri Beaufour, Vorstandsmitglied des Labors Ipsen. Sein Vermögen (das er sich mit seiner Schwester Anne teilt, die in der Schweiz lebt) wird auf 4,5 Milliarden Euro geschätzt.
Die Schweiz, ein historisches Steuerparadies mit strengem Bankgeheimnis, beherbergt einen Großteil der vermögendsten französischen Exilanten. In Genf lebt beispielsweise Ariane de Rothschild, seit 2023 CEO der Edmond de Rothschild Gruppe, deren Vermögen sich auf 5,3 Milliarden Euro beläuft. Ebenfalls dort ansässig ist Jean-Guillaume Despature, Verwaltungsratspräsident des Hausautomatisierungskonzerns Somfy. Wie aus dem Geschäftsbericht 2019 hervorgeht, hat der gebürtige Nordfranzose sein 5,1 Milliarden Euro schweres Vermögen ebenfalls am Genfersee angehäuft.
Manche haben sogar Streitigkeiten mit den Schweizer Steuerbehörden. Seit der Wahl von François Mitterrand zum Präsidenten im Jahr 1981 und der Einführung der Vermögenssteuer (ISF) lebt der Inhaber des Weingroßhandelsunternehmens Castel Frères im Exil. Er musste mehrere Hundert Millionen Schweizer Franken zahlen, weil er jahrelang einen Teil seiner Einkünfte und seines Vermögens nicht deklariert hatte. Sein Vermögen wird derzeit auf 13,4 Milliarden Euro geschätzt.
Patrick Drahi, der an der Spitze des Altice-Konzerns mit seinen Milliardenschulden stand, geriet auch mit den Genfer Steuerbehörden aneinander. Diese Affären wurden insbesondere durch die »Drahi Leaks« aufgedeckt, die unter anderem Vorwürfe des falschen Wohnsitzes und Fragen zu seinem Familienstand enthielten. Im Jahr 2025 transferierte der Mann, dessen Vermögen auf 7 Milliarden Euro geschätzt wird, sein Vermögen nach Israel. Auch andere große Vermögen wanderten nach dem Machtantritt der Linken in den 1980er Jahren aus, beispielsweise das von Martine Primat (2,6 Milliarden Euro), der Besitzerin des Anwesens Primland, die seit 1981 in Genf lebte.
Auch Bernard Arnault hatte während der Mitterrand-Ära das Mutterland verlassen. Als François Hollande 2012 zum Präsidenten der Republik gewählt wurde und eine Steuer von 75 Prozent auf sehr hohe Einkommen einführen wollte, drohte der Luxusgütermagnat, Frankreich zu verlassen. Daraufhin erwarb er eine Immobilie im exklusiven Brüsseler Vorort Uccle. Er zahlte dort seine lokalen Steuern und plante, dort seinen steuerlichen Wohnsitz zu nehmen – ein Vorhaben, das er 2013 schließlich aufgab.
Im Jahr 2018 enthüllte eine Dokumentation des französischen Senders France 3 jedoch eine mögliche Steuernachforderung in Frankreich in Höhe von einer Milliarde Euro wegen falscher Wohnsitzangabe. Bernard Arnault zahlte bis heute in Belgien eine Geldstrafe von 2,5 Millionen Euro, um eine Untersuchung zu seinem Wohnsitz beizulegen. Er beteuert weiterhin, stets in Frankreich ansässig gewesen zu sein, schließt aber eine mögliche Steuernachforderung nicht aus.
Er hatte London zu seinem neuen Wohnsitz gewählt. François-Henri Pinault, Chef des Luxuskonzerns Kering, verlor laut einem Bericht des Nachrichtenportals »L’Informé« aus dem Jahr 2023 sein 11,5 Millionen Euro schweres Spiel mit den französischen Steuerbehörden. Als der Milliardär 2014 nach London zog, hatte er beschlossen, seinen steuerlichen Wohnsitz in Frankreich beizubehalten, um dort seine Einkommensteuer zu zahlen. Doch bereits 2016 forderten die britischen Steuerbehörden aufgrund der Niederlassungen des Konzerns in London Einkommensteuer von ihm.
Um der Doppelbesteuerung zu entgehen, wandte er sich an die französischen Steuerbehörden mit der Bitte, das Doppelbesteuerungsabkommen mit den britischen Behörden anzuwenden und ihm die doppelt gezahlten 11,5 Millionen Euro zurückzuerstatten. François-Henri Pinault erklärte, er habe seine Aufgaben als CEO in London und seine Aufgaben als Vorsitzender von Paris aus wahrgenommen. Dieses Argument erwies sich vor dem Verwaltungsgericht als unbegründet. Es sah die beiden Funktionen als untrennbar mit dem Paris
die-zukunft.eu freut sich auf Ihre/auf Eure Vorschläge für Beiträge zur Debatte über ein anderes Europa. Bitte geben Sie Ihren Namen, die Organisation sowie eine Kontaktadresse an.
Hinweis
Guter Journalismus ist nicht umsonst.
Die Inhalte auf die-zukunft.eu sind grundsätzlich kostenlos. Aber auch wir brauchen finanzielle Ressourcen, um die-zukunft.eu mit journalistischen Inhalten zu füllen. Unterstützen Sie uns und machen Sie unabhängigen, linken Journalismus möglich.
Kontakt
Sie wollen Kontakt zu uns aufnehmen?
die-zukunft.eu freut sich auf Ihre/auf Eure Vorschläge für Beiträge zur Debatte über ein anderes Europa. Bitte geben Sie Ihren Namen, die Organisation sowie eine Kontaktadresse an.
Zahlungsmethode
Hinweis
Guter Journalismus ist nicht umsonst.
Die Inhalte auf die-zukunft.eu sind grundsätzlich kostenlos. Aber auch wir brauchen finanzielle Ressourcen, um die-zukunft.eu mit journalistischen Inhalten zu füllen. Unterstützen Sie uns und machen Sie unabhängigen, linken Journalismus möglich.
Zahlungsmethode
Kontakt
Sie wollen Kontakt zu uns aufnehmen?
die-zukunft.eu freut sich auf Ihre/auf Eure Vorschläge für Beiträge zur Debatte über ein anderes Europa. Bitte geben Sie Ihren Namen, die Organisation sowie eine Kontaktadresse an.
