europaLINKS: Das unkontrollierbare Netzwerk Infantinos
Die FIFA hat sich jeglicher demokratischen Kontrolle entzogen, meint die linke »Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek« aus Luxemburg – und fordert eine Antwort aus Europa

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Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.
An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Wer bremst das Netzwerk Infantino?“ Dieser Text ist am 22. Juli in der »Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek« (Luxemburg) erschienen. Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.
Christoph Kühnemund
Die Vorhänge der größten Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten sind gefallen. Während Fifa-Präsident Gianni Infantino das Turnier in Nordamerika ohne rot zu werden zum »größten Spektakel der Menschheitsgeschichte« verklärte, hinterlässt die Monster-WM mit 48 Mannschaften ein zutiefst zwiespältiges Bild. Das Turnier mag ein paar sportliche Sternstunden geliefert haben, doch das eigentliche Manifest dieser Wochen war ein anderes: Ein hemmungsloser Gigantismus, getrieben von kommerzieller Gier, politischer Einmischung und einer Fifa, die sich jeglicher demokratischen Kontrolle entzogen zu haben scheint.
Von extremen Ticketpreisen über immense Reisestrapazen für Teams und Fans bis hin zu Vorwürfen von Betrug und Sportswashing hinter den Kulissen – das Megaturnier hat offengelegt, wie sehr der Weltverband den Bezug zur Basis verloren hat. Der Fußball verkommt unter Infantino zunehmend zur Kulisse für ein System, das Rendite und Machterhalt über die Integrität des Sports stellt. Viele Fans und mancher Funktionär, auch hierzulande, stellten im Anschluß fest: Spanien hat bei dieser WM den Fußball verteidigt. Doch die Schicksalsfrage nach dem Ende dieses Turniers lautet: Wie läßt sich diese unkontrollierte Machtfülle an der Fifa-Spitze überhaupt noch begrenzen?
Die Antwort liegt vor allem in Nyon. Die Uefa ist nicht nur der mit Abstand finanzstärkste Kontinentalverband, sondern bildet auch das sportliche Epizentrum des globalen Fußballs. In Europa spielen die weltweit begehrtesten Topstars, hier fließen die Milliarden der Champions League, und von hier stammt ein Großteil der weltweiten Vermarktungserlöse. Wenn es eine Machtinstanz gibt, die dem Gebaren Infantinos wirksam etwas entgegensetzen kann, dann ist es die Europäische Fußball-Union. Sie stellt bei jeder Fußball-WM die wichtigsten Teams, trotz kleiner Fußballwunder von Kap Verde oder Curaçao, die gegönnt seien, doch die es ohne ein derart aufgeblähtes Starterfeld nicht gegeben hätte.
Bislang beschränkte sich der Widerstand der Uefa jedoch meist auf leise geäußerte Bedenken und Lippenbekenntnisse oder auf den Nichtbesuch des WM-Finales durch Uefa-Boß Aleksander Čeferin. Um echten Druck aufzubauen, stehen der Uefa jedoch wirkungsvolle Hebel zur Verfügung: Sie und ihre europäischen Spitzenklubs halten den Schlüssel zu den Spielerkadern in der Hand. Die konsequente Drohung mit dem Boykott aufgeblähter Fifa-Events – wie der expandierten Klub-WM – würde das kommerzielle Fundament der Fifa im Kern treffen.
Ein geschlossener Block aus den großen europäischen Verbänden gemeinsam mit Südamerikas CONMEBOL könnte strukturelle Reformen im Fifa-Machtgefüge erzwingen. Ohne europäische Top-Nationen verliert jedes Fifa-Event schlagartig seinen Marktwert. Wenn Europa geschlossen Reformen bei Governance, Ethik und Transparenz einfordert und diese Bedingungen an die Zustimmung zu Fifa-Finanzplänen koppelt, gerät Infantinos System der Gefälligkeiten ins Wanken.
Wenn die Uefa jedoch weiterhin tatenlos zusieht, macht sie sich mitschuldig am Ausverkauf des Spiels. Es ist Zeit, dass Fußball-Europa seine Macht nutzt – nicht aus Eitelkeit, sondern zur Rettung der Glaubwürdigkeit des Fußballs.
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