europaLINKS: Das Thermo­meter und die Herr­schaft des Patriar­chats

Betroffen von der Hitzewelle sind vor allem Frauen und Menschen mit geringem Ein­kommen, meint die linke franzö­si­sche »L’Humanité«

© Pixabay

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Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.

An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Wenn das Thermo­meter die Herr­schaft des Patriar­chats offenbart“. Dieser Text ist am 23. Juni in „L’Humanité“ (Frankreich) erschienen. Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.

Violaine de Filippis Abate

Die Klimakrise ist nicht nur eine Frage des Thermo­meters. Sie ist auch eine Frage der Ungleichheit – und das gleich auf mehreren Ebenen. Wenn zum Beispiel das Risiko für kardio­vasku­läre Vorfälle durch die große Hitze verstärkt wird, betrifft dies zuerst Frauen.

Das ist keine Überraschung. Die wissenschaftliche Zeitschrift »The Lancet« stellte in dieser Hinsicht fest, dass Frauen in klinischen Studien unzureichend untersucht bleiben und daher unter­diagnos­ti­ziert werden. Mit anderen Worten: Sie werden immer wieder nach Vorgaben behandelt, die zuerst für Männer gedacht sind.

Infolgedessen sind Frauen auch von Schlag­anfäl­len deutlich häufiger betroffen als Männer, weil sie sich ihrer spezifischen Symp­tome nicht bewusst sind. Aus gleichen Gründen sterben sie auch doppelt so häufig an einem Herz­infarkt; die medizinische Versorgung erfolgt im Schnitt 30 Minuten später als bei Männern.

Dazu kommt die Prekarität. Denn Hitze­wellen treffen offensichtlich nicht alle auf die gleiche Weise: Sie folgen den Linien des sozialen Bruchs und verschlimmern diesen sogar noch. Laut der Organisation Oxfam ver­ursachte die Hitze im Jahr 2025 31 Prozent mehr Todesfälle in den zehn ärmsten Départe­ments Frankreichs – verglichen mit den zehn wohl­habend­sten regionalen Verwaltungseinheiten. Und: Frauen sind bekanntlich häufiger in einer sozial kritischen Si­tua­­tion als Männer: 13,5 Prozent der Frauen sind einer solchen ausgesetzt, gegenüber 10,4 Prozent der Männer.

Zudem sind es weit häufiger Frauen, die »an der Spitze« einer Ein-Eltern­teil-Familie stehen. Im Winter können sie oft die schlecht iso­lierte Wohnung nicht richtig wärmen. Angesichts des Klimawandels kommt nun hinzu, dass diese im Sommer auch nicht vor Hitze schützt. Besonders betroffen von dieser Situa­tion sind natürlich auch die Kinder.

Und nicht zu vergessen: Im Allgemeinen verstärken Hitzewellen bestehende Gewalt. Dies wird in einer Studie über die Zusam­men­hänge zwischen Klimawandel und Gewalt gegen Frauen und Mädchen dokumentiert. Die Untersuchung geht davon aus, dass bis zum Ende des Jahrhunderts jeder zehnte Fall von häuslicher Gewalt mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden könnte.

In der Tat erhöhen große Hitze, Dürren, Überschwemmungen, Ernährungsunsicherheit, Zwangsvertreibung, wirtschaftliche Spannungen sowie man­gel­hafte öffentliche Dienstleistungen die ma­te­rielle Abhängigkeit und Isolation. Sie führen auch dazu, dass bei Notwendigkeit eben keine Hilfe erfolgt. Die Klima­krise ist daher nicht nur eine ökologische Kata­stro­phe: Sie ist eine politische Offenbarung, welche Leben am wenigsten geschützt sind.

Ein Artikel von Uwe Sattler

Uwe Sattler

Uwe Sattler ist Herausgeber von „die-zukunft.eu“ und inhaltlich für die Plattform verantwortlich. Nach zwölf Jahren in der Redaktionsleitung der Tageszeitung „nd.DerTag"/"nd.DieWoche" ist der Journalist Mitglied des Vorstands der nd.Genossenschaft eG.

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