europaLINKS: Das Thermometer und die Herrschaft des Patriarchats
Betroffen von der Hitzewelle sind vor allem Frauen und Menschen mit geringem Einkommen, meint die linke französische »L’Humanité«

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Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.
An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Wenn das Thermometer die Herrschaft des Patriarchats offenbart“. Dieser Text ist am 23. Juni in „L’Humanité“ (Frankreich) erschienen. Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.
Violaine de Filippis Abate
Die Klimakrise ist nicht nur eine Frage des Thermometers. Sie ist auch eine Frage der Ungleichheit – und das gleich auf mehreren Ebenen. Wenn zum Beispiel das Risiko für kardiovaskuläre Vorfälle durch die große Hitze verstärkt wird, betrifft dies zuerst Frauen.
Das ist keine Überraschung. Die wissenschaftliche Zeitschrift »The Lancet« stellte in dieser Hinsicht fest, dass Frauen in klinischen Studien unzureichend untersucht bleiben und daher unterdiagnostiziert werden. Mit anderen Worten: Sie werden immer wieder nach Vorgaben behandelt, die zuerst für Männer gedacht sind.
Infolgedessen sind Frauen auch von Schlaganfällen deutlich häufiger betroffen als Männer, weil sie sich ihrer spezifischen Symptome nicht bewusst sind. Aus gleichen Gründen sterben sie auch doppelt so häufig an einem Herzinfarkt; die medizinische Versorgung erfolgt im Schnitt 30 Minuten später als bei Männern.
Dazu kommt die Prekarität. Denn Hitzewellen treffen offensichtlich nicht alle auf die gleiche Weise: Sie folgen den Linien des sozialen Bruchs und verschlimmern diesen sogar noch. Laut der Organisation Oxfam verursachte die Hitze im Jahr 2025 31 Prozent mehr Todesfälle in den zehn ärmsten Départements Frankreichs – verglichen mit den zehn wohlhabendsten regionalen Verwaltungseinheiten. Und: Frauen sind bekanntlich häufiger in einer sozial kritischen Situation als Männer: 13,5 Prozent der Frauen sind einer solchen ausgesetzt, gegenüber 10,4 Prozent der Männer.
Zudem sind es weit häufiger Frauen, die »an der Spitze« einer Ein-Elternteil-Familie stehen. Im Winter können sie oft die schlecht isolierte Wohnung nicht richtig wärmen. Angesichts des Klimawandels kommt nun hinzu, dass diese im Sommer auch nicht vor Hitze schützt. Besonders betroffen von dieser Situation sind natürlich auch die Kinder.
Und nicht zu vergessen: Im Allgemeinen verstärken Hitzewellen bestehende Gewalt. Dies wird in einer Studie über die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Gewalt gegen Frauen und Mädchen dokumentiert. Die Untersuchung geht davon aus, dass bis zum Ende des Jahrhunderts jeder zehnte Fall von häuslicher Gewalt mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden könnte.
In der Tat erhöhen große Hitze, Dürren, Überschwemmungen, Ernährungsunsicherheit, Zwangsvertreibung, wirtschaftliche Spannungen sowie mangelhafte öffentliche Dienstleistungen die materielle Abhängigkeit und Isolation. Sie führen auch dazu, dass bei Notwendigkeit eben keine Hilfe erfolgt. Die Klimakrise ist daher nicht nur eine ökologische Katastrophe: Sie ist eine politische Offenbarung, welche Leben am wenigsten geschützt sind.
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