europaLINKS: Ceuta und die verzerrten Realitäten
Im Fall der spanischen Exklave zeigten sich wieder einmal die Gefahren von Facebook & Ko. Was kann man dagegen tun, fragt sich das linke »Il Manifesto« aus Rom

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Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie. Manche Zeitungen erscheinen in gedruckter Form täglich, einige wöchentlich, andere monatlich. Online sind sie alle präsent – und nehmen, ob nun als Print- oder Digitalprodukt, Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs in ihren jeweiligen Ländern.
An dieser Stelle blicken wir in progresssive Medien Europas. Heute: „Die Schatten, die Körper bewegen“. Dieser Text ist am 5. August in „il manifesto“ (Italien) erschienen. Der Beitrag wurde nachbearbeitet und gekürzt.
Alessandro Solidoro
Was geschieht, wenn uns die Realität durch Bilder und Geschichten erreicht, die andere ausgewählt haben? Platon stellte sich Männer vor, die in einer Höhle angekettet und überzeugt waren, die Schatten an der Wand seien die Welt. In Ceuta bewegten die Schatten ihre Körper. In den sozialen Medien kursierten Gerüchte, dass nach einem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs niemand mehr nach Marokko zurückgeschickt würde, der es schaffte, die Enklave auf dem Seeweg zu erreichen. Aber das Urteil verbot die sofortige Zurückweisung, nicht jedoch die gesetzlich vorgeschriebenen Rückführungen. Tausende versuchten trotzdem einzureisen. Es gab Tote. Die verzerrte Interpretation des Urteils verfälschte nicht die Realität – sie schuf sie sogar.
Für die europäische und US-amerikanische Rechte beweist Ceuta das Versagen der spanischen Regierung in der Einwanderungspolitik. Andere sprechen von marokkanischen Vergeltungsmaßnahmen und verweisen auf amerikanische Finanzhilfen für Rabat sowie auf die Interventionen konservativer Denkfabriken. Innerhalb weniger Stunden verdichten sich diese »Informationen« zu einer Verschwörung.
Bislang gibt es nämlich keine öffentlichen Beweise für eine Beteiligung Washingtons. So läuft es immer. Ein Vorfall ereignet sich, die Gerüchte verbreiten sich in den folgenden Stunden wie ein Lauffeuer, und die Bestätigung erfolgt erst Tage später: Bis sie vorliegt, hat die erste Version die Schuldigen bereits benannt und Ängste geschürt. Diejenigen, die korrekte Einschätzungen haben, kommen immer erst an zweiter Stelle.
Faktenchecks sind nützlich, um solche »Selbstläufer« wie im Falle Ceuta zu verhindern. Aber sie müssen schnell gehen und den Sachverhalt rekonstruieren, anstatt einfach nur einen Satz als falsch zu markieren. Diese Faktenchecks haben jedoch einen dokumentierten Nebeneffekt: Tests der Universität Cambridge zum Thema »falsche Nachrichten« zeigen, dass diejenigen, die lernen, Falschmeldungen zu entlarven, auch echte Nachrichten als weniger zuverlässig einschätzen.
Es gibt eine einfachere Lösung: langsamer machen. 2020 fragte Twitter seine Nutzer, ob sie den Artikel vor dem Teilen nicht öffnen wollten – und die Anzahl der geöffneten Links stieg um 40 Prozent. Eine simple Frage genügte. 2021 veröffentlichten Gordon Pennycook und David Rand in »Nature« ein Feldexperiment: Eine einfache Aufforderung, über Genauigkeit nachzudenken, verbesserte die Qualität der geteilten Inhalte. Die Schlussfolgerung der Autoren wird jedoch oft übersehen: Aufmerksamkeit ist flüchtig, der Effekt ist nicht von Dauer, und es liegt an den Plattformen, ihre Struktur zu ändern. Langsamer zu machen ist offensichtlich auch nicht das Allheilmittel. Die Lösung muss woanders liegen.
Plattformen belohnen Interaktionen, und Empörung ist wirksamer als die Überprüfung von Fakten. Von Einzelpersonen zu mehr Umdenken zu erwarten, ohne diesen Mechanismus zu verändern, ist, als würde man einen Vergifteten behandeln und die Giftfabrik weiterlaufen lassen. Aber es tut sich etwas: Seit dem 29. Oktober 2025 ist der Rechtsakt zu Artikel 40 des Gesetzes über digitale Dienste in Kraft, und autorisierte Forscher können nicht-öffentliche Daten zu Algorithmen, Werbung und Moderation von großen Plattformen anfordern. Um an diese Daten zu gelangen, muss man jedoch wissen, dass sie existieren – und die Kataloge der vorhandenen Daten werden von den Unternehmen selbst erstellt. Es bleibt noch viel zu tun: unabhängige Prüfungen der Algorithmen, die Aufdeckung koordinierter Kampagnen und die Unterbindung der Finanzierung von Personen, die professionell Falschinformationen verbreiten.
Doch es genügt nicht, das Falsche zu eliminieren: Die Wahrheit muss zugänglich gemacht werden. Kein Wahrheitsministerium, sondern so etwas wie ein gesellschaftlicher Wissensstaat. Unabhängiger und lokaler Journalismus, Bibliotheken, autonome Universitäten, statistische Institute, Archive und transparente Verwaltungen sind demokratische Infrastrukturen wie Schulen und das Gesundheitswesen: Sie produzieren überprüfbare Materialien und legen die Schritte offen, die zu einer Schlussfolgerung geführt haben. Sie als kulturelles Privileg zu behandeln, ist bereits eine politische Entscheidung.
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