Die Sprache der Rassisten
Der Publizist Abdou Bouzerda zieht einen Bogen vom niederländischen Rechtsextremisten Geert Wilders über den deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz bis zum französischen Premierministers François Bayrou

Der Publizist Abdou Bouzerda veröffentlicht regelmäßig Kolumnen auf dem niederländischen Portal VPRO. In dieser Kolumne nimmt er eine rassistische Äußerung des niederländischen Rechtsextremisten Geert Wilders zum Erscheinungsbild der größten Flaniermeile Rotterdams, der Blaak, unter die Lupe und setzt sie ins Verhältnis zu der Aussage des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz über deutsche Stadtbilder, zur Rede des französischen Premierministers François Bayrou über „Migrationsfluten“ sowie zur Neudefinition von Staatsangehörigkeit seitens des US-Justizministeriums und kommt zu dem Schluss, dass es sich in den genannten Fällen keineswegs um unglückliche Formulierungen handelt.
Die Übersetzung und die Wiedergabe der Kolumne (zuerste auf europa.blog) erfolgt mit Zustimmung des Autors und der Redaktion von VPRO. Sie erschien ursprünglich am 25. Oktober 2025 in niederländischer Sprache unter dem Titel „Duidelijke taal“ auf VPRO. Übersetzung: Jürgen Klute.
Abdou Bouzerda, VPRO, Hilversum (NL), 25. Oktober 2025
Wenn man an einem Samstag oder einem Abend mit verlängerten Ladenöffnungszeiten über die Blaak (die „Blaak“ ist eine große und bekannte Flaniermeile im Zentrum von Rotterdam; Anm.d.Ü.) läuft, fühlt man sich wie in Marrakesch. Das sind nicht mehr die Niederlande”, sagte Geert Wilders am vergangenen Donnerstag in der Sendung „Het Debat van Nederland” auf SBS 6.
Der betreffende Ausschnitt wurde auf Instagram mit dem Untertitel „’Deutliche Sprache von Wilders in Het Debat van Nederland” gepostet.
Dass die Redaktion diesen unverblümten rassistischen Kommentar als „deutliche Sprache” bezeichnet, sagt nicht bloß viel, sondern eigentlich alles.
Die Normalisierung solcher Äußerungen geschieht selten in Leuchtschrift, sondern gerade in solchen alltäglichen Bildunterschriften. Denn warum sollte man seinem Publikum die Plädoyers eines verurteilten Rassisten auf diese Weise servieren wollen? Was genau ist hier „klar”? Die Botschaft oder die moralische Bankrotterklärung derjenigen, die sie verbreiten?
Dennoch ist dies lediglich ein Symptom einer neuen politischen Realität, die immer mehr Demokratien bedroht. Das eigentliche Problem liegt mittlerweile viel tiefer in den westlichen Gesellschaften.
Dass Medien mit schwammigen redaktionellen Grundsätzen gedankenlos Rassismus verbreiten, ist zwar verwerflich, aber nicht überraschend.
Alarmierend ist vielmehr, dass sich das rassistische Vokabular in geschliffenen europäischen Regierungserklärungen wiederfindet, wo es mit trockener Behördensprache in eine politische Logik eingepasst wird.
Ästhetisches Unbehagen
Die Charakerisierung von Minderheiten als ästhetisches Unbehagen durch Geert Wilders ist Teil einer breiteren politischen Praxis. Und sie beschränkt sich längst nicht mehr auf den extremen Flügel.
In Deutschland hat Bundeskanzler Friedrich Merz Anfang dieser Woche eine aufschlussreiche Aussage gemacht, die genau in diese Traditionslinie passt: „Im Bereich der Migration sind wir sehr weit gekommen. Aber wir sehen dieses Problem natürlich immer noch auf der Straße. Und deshalb arbeitet der Innenminister jetzt daran, eine groß angelegte Rückführung zu ermöglichen und durchzuführen.“
Was hier geschieht, ist nicht einfach nur Politik, sondern Profilierung mit historischem Ballast. In Deutschland, wo das „Stadtbild“ in der Vergangenheit bewusst von unerwünschten Anwesenden gesäubert wurde, ist die Verknüpfung von Sichtbarkeit mit einem „Problem“ alles andere als harmlos.
Eine solche Sprache steht im Kontext einer Ideologie, in der allein die Existenz in der Öffentlichkeit bereits als Bedrohung galt.
Natürlich ist Merz kein Nazi, aber wie viele deutsche Kommentatoren zu Recht schreiben, birgt die Verwendung solcher Worte durchaus eine große Gefahr.
Während Wilders von Marrakesch auf der Blaak spricht, spricht Merz von der Entfremdung deutscher Städte. Beide sagen: Dieses Land gehört uns, und ihr gehört nicht dazu.
Aber in Deutschland kommt dieses Signal inzwischen nicht mehr von den Flügeln, es ist plötzlich zur Regierungsrhetorik geworden.
Sieg des Rassismus
Anfang dieses Jahres sprach der französische Premierminister François Bayrou in einem Fernsehinterview von einem „Gefühl der Migrationsflut”. Die Qualitätszeitung Le Monde stellte nüchtern fest, dass Bayrou damit, bewusst oder unbewusst, die Terminologie der rechtsextremen Tradition übernahm.
Und mit diesem einen Wort gewann die extreme Rechte den semantischen Kampf. Ohne viel Worte wurde die Position dieser Partei durch die Regierung bestätigt.
Bayrous Sprachgebrauch ist keine unglückliche Floskel. Es handelt sich um einen politischen Meilenstein in der angestrebten kulturellen Hegemonie, die der verstorbene Ideologe Patrick Buisson zu seinem Lebenswerk gemacht hatte.
Buisson, jahrelang der Stichwortgeber der rechten und rechtsextremen Parteien Frankreichs, glaubte, dass man nur gewinnen kann, wenn man es schafft, seine Worte in den Köpfen der Gegner zu verankern.
Und genau wie bei „Stadtbild” ist Bayrous Verwendung des Begriffs „Überflutung” ein Begriff, der für historische Ängste, koloniale Umkehrungen und rassistische Fantasien über den Untergang steht.
Verlust der Staatsangehörigkeit
Um jedoch zu verstehen, wie verheerend solche Formulierungen wirken können, müssen wir den Blick nach Amerika richten. Dort wird seit der Rückkehr von Donald Trump die Staatsbürgerschaft völlig neu definiert.
Im Juni ordnete das US-Justizministerium an, Ausbürgerungen zur obersten Priorität zu machen.
Nicht etwa für Terroristen oder Kriegsverbrecher, sondern für Amerikaner, die zufällig nicht in den USA geboren sind. Eingebürgerte Bürger bilden plötzlich eine eigene Risikokategorie.
Das „Amerikanischsein” dieser Gruppe von Bürgern ist nicht mehr selbstverständlich, sondern bedingt. Die US-Regierung betrachtet die Staatsbürgerschaft als ein Privileg, das man verlieren kann. Als einen Vertrag, der bei „unangemessenem Verhalten” widerrufen werden kann.
Und dieses Verhalten wird weit ausgelegt: Betrug, unklare Angaben in alten Formularen oder einfach „Angelegenheiten, die die Zivilabteilung für wichtig genug hält”.
Wer dieses Privileg zu sehr zur Schau stellt oder zu abweichend lebt, gerät einfach auf das Radar.
Politischer Wandel
Was diese Äußerungen in verschiedenen Ländern zeigen, ist keine zufällige Ähnlichkeit in der Wortwahl, sondern die Konturen eines umfassenderen politischen Wandels. Die Vorstellung, dass Anwesenheit, Staatsbürgerschaft und Existenzrecht in westlichen Demokratien wieder verhandelbar geworden sind, zeichnet sich immer deutlicher ab.
Die Worte von Wilders, Merz und Bayrou stehen nicht für sich allein.
Sie bilden eine wachsende semantische Infrastruktur, die Ausgrenzung plausibel, kontrollierbar und sogar rational machen soll.
Sprache ist hier kein Nebenschauplatz der Politik, sondern ihr Fundament.
Wer bestimmt, was sichtbar ist, bestimmt letztendlich auch, wer verschwindet.
Nicht nur auf der Erzählebene, auf der Ebene der politischen Debatte, und in der Vorstellung davon, wer „wir” sind, sondern auch physisch. Das sind leider sehr deutliche Worte.
Bis bald,
Abdou
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